Oberhausener Preis, 14.3.2006, Rede zur Preisverleihung
Sehr verehrte Damen und Herren!
Der Preis beinhaltet zwei Zu-Mut-ungen
Für uns als Tanzania-Network ist dieser Preis ein Ansporn, der Lobby- und Advocacy-Arbeit weiterhin großes Gewicht beizumessen. D.h. für uns, dass wir
- für die Rechte anderer, konkret für die Menschen in Tanzania, eintreten und deren Interessen wahrnehmen - wo sie es selbst nicht können.
Dieses zu tun ist auch in unserem Milieu nicht selbstverständlich. Partnerschaften, die überwiegend unsere Mitglieder sind, tendieren dazu, vorerst ihre Projekte im Blick zu haben, alles andere kommt danach. Der Preis ermutigt uns, diesen Bereich mit Nachdruck zu vertreten;
- die Fragen der Ungerechtigkeit, insbesondere der wirtschaftlichen, publik machen und in Kooperation mit anderen, Kräfte mobilisieren, gerechtere Strukturen der Weltwirtschaft und des Welthandels zu erreichen;
- dazu gehört auch,. dass wir als Deutsche uns immer wieder selbst kritisch fragen, welche Rolle haben wir in der Kolonialzeit gespielt und welche spieln wir heute in den genannten Bereichen.
Ich möchte darüber aber nun nicht vergessen, dass wir neben der Ehre auch die monetäre Seite dieses Preises hoch anerkennen. Von solchen und vielen noch kleineren oder auch größeren Beträgen sind wir abhängig, um unsere Arbeit fortführen zu können
.
Wir wissen es sehr wohl zu würdigen, wenn ein Kirchenkreis in diesen Zeiten, wo überall gekürzt wird, solch ein Zeichen setzt und aufrecht erhält. Ich bin der festen Überzeugung, dass wenn wir mehr solche Zeichen der Ermutigung in unseren Kirchen hätten, wir weniger sparen müssten.
Die zweite Zu-Mut-ung betrifft Sie jetzt. Und zwar, weil ich Sie einlade, sicherlich tiefer, als es mit der Preis - Entscheidung verbunden war, in die Abgründe der deutschen Kolonialpolitik einzusteigen. Ich tue das unter der Prämisse der christlichen Tugenden , Schuld nicht zu verdrängen, sondern zu benennen, Vergebung zu erbitten, Wiedergutmachung zu leisten wo es möglich ist und erneuten Versuchungen zu wiederstehen.
Nun zum Thema:
Erinnern statt verdrängen
Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika und seine Folgen
1. Zur deutschen Kolonialismus Debatte heute.
Mit der Preisverleihung setzen Sie in Zeichen
1. Die Unwissenheit über den Kolonialismus zu überwinden,
2. gegen einen verbreiteten Konsens, dass man die (koloniale) Vergangenheit ruhen lassen sollte.
- Man will das gute Verhältnis zu Tansania nicht gefährden. Zu kurz sei die deutsche Kolonialvergangenheit gewesen,
- zu unbedeutend im Verhältnis zu der Großbritanniens und anderer Kolonialmächte.
- Mit verklärenden Slogans wie „jetzt wird es gemütlich - Kolonialstil bei Netto“ oder dem Obi-Stilratgeber Kolonialstil „für ein neues Wohlfühlgefühl“ benutzen deutsche Wirtschaftsunternehmen koloniale Vergangenheit in ihrer Werbung.
Dass in Deutschland mit Kolonialstil geworben werden kann, zeigt nur, dass es eine unglaublich Unwissenheit gibt und kein kritisches Bewusstsein für diesen Teil unserer Geschichte. Sie ist gleichsam lautlos entsorgt worden.
Durch die anstehende Aufarbeitung des Nationalsozialismus wurde die Beschäftigung mit der kolonialen Vergangenheit über Jahrzehnte versäumt und verdrängt. Zeitzeugen leben nicht mehr. In unseren Schulbüchern spielt der deutsche Kolonialismus nur eine untergeordnete Rolle. In den Medien ist es nicht viel anders.
Fehlanzeige auch bei unseren Kirchen und den Missionswerken als den Nachfolgeorganisationen der klassischen Missionsgesellschaften. Es hat immer anstehende historische Daten, Jubiläen oder die Unabhängigkeit von Völkern oder Kirchen bedurft, um die hier zur Debatte stehenden Fragen aufzunehmen. Dann, das muss allerdings auch sagen, waren diese Missionswerke oft die einzigen Organisationen, die die Diskussion in Gang gebracht haben.
Eine Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit fängt also gerade erst an.
2. Zum historischen Kontext des deutschen Kolonialismus
2.1. Der ökonomische Kontext
Rainer Tetzlaff, der Hamburger Politologe nennt fünf ökonomische Faktoren, die den Kolonialismus bestimmten:
- Das Finanzkapital suchte neue profitable Anlagenfelder, da die Industrie sich mit Investitionen zurück hielt.
- Man sah die deutschen Auswanderer als ein dem Volkskörper verlorengehendes Humankapital. Man wollte eine aktive Inwertsetzung durch deutsche Siedler.
- Für solche Siedler brauchte man Kolonien. Schutzgebiete
- Die Industrie brauchte Rohstoffe: Kautschuk, Baumwolle, Sisale, Palmöl
(ein bis heute wirksamer Fluch: Afrika der Rohstofflieferant für die Industrienationen).
- Die Industrie brauchte Absatzmärkte Auch das ist bis heute ein Faktor bei Entscheidungen für Entwicklungshilfe.
Diese ökonomischen Interessen wirkten sich auf das Leben der Menschen in den Kolonien folgendermaßen aus:
Plantagenarbeiter mussten erst erzeugt werden. Die gab es ja nicht.
Die Subsistenzwirtschaft wurde durch verschiedene Maßnahmen zerstört.
Ein landwirtschaftliches Proletariat wird gebildet.
Das ist die Geburtsstunde der „Dritten Welt“ (Tetzlaff)
Die Völker werden abhängig.
Sie können sich nicht mehr selbst helfen.
Die internationale Arbeitsteilung beginnt. Die Länder werden degradiert zu Rohstofflieferanten.
2.2 Der politische Kontext
Nach dem 1871 gewonnen deutsch-französischen Krieg wähnte D. sich jetzt als Siegermacht und wollte nun selbst auch auf der Sonnenseite stehen. Kolonien zu erwerben wurde eine Frage des nationalen Prestige.
Die Politik wurde von der Wirtschaft bedrängt, Kolonien zu erwerben, eroberte Gebiete zu Schutzgebieten zu erklären. Wömann in HH konferierte deswegen mit Bismarck. Kolonialbewegte, waren ein Entscheidungsfaktor bei Wahlen.
2.3 Der militärische Kontext
Der Hintergrund der Kolonialbeamten war militaristisch. Sie waren geprägt von den preußischen Militärakademien, wo Härte, Gewalt und Misshandlung der Untergebenen an der Tagesordnung waren. Militarismus ist immer menschenverachtend (siehe z.Zt. Russland). Folglich titelte Bartholomäus Grill in „Die Zeit“: über den Kolonialismus in Ostafrika: „Eine deutsche Hölle“.
2.4 Der ideologische Kontext
Der Militarismus ging eine fatale Verbindung ein mit aufblühendem Rassismus, also des europäischen Hochmuts - (übrigens eine der Todsünden!) d.h. immer und überall anderen Menschen-(Rassen) und Kulturen überlegen zu sein
Konkret bedeutete das, durch diese Vorstellungswelt und die Mentalität der damaligen Zeit waren die Deutschen Kolonialisten in Afrika unfähig zum Dialog mit der afrikanischen Lebenswelt. Die andere Kultur mit sehr komplexen sozialen, kulturellen und religiösen Ausprägungen, wurde von wenigen Ausnahmen abgesehen, als primitiv und nicht beachtenswert angesehen. Wenn überhaupt ein Interesse bestand, dann als Objekt der Forschung. Sie sahen nur herrenloses Land, faule und unzivilisierte Menschen auf der untersten Stufe der rassischen und kulturellen Werteskala.
Damit sind die sog. altruistischen Motive genannt, also selbstlose und uneigennützige genannt:
die Zivilisierung und Missionierung Afrikas,
Anzumerken ist hier, dass diese Repräsentanten oft als ganz normale Menschen in die Kolonien gehen und deformiert werden.
Sie hatten das Ziel „aus Neger Menschen zu machen, machten aber aus Menschen Neger“. (um die damalige Terminologie zu gebrauchen)-.
2.5 Der historische Kontext
Der Maji-Maji-Krieg war nicht der erste und einzige Aufstand im damaligen Deutsch-Ostafrika.
Die deutsche Kolonialherrschaft in Ostafrika währte 34 Jahre, von 1885 bis 1919.
Der Maji-Maji-Krieg war der verheerendste deutsche Kolonialkrieg, in dem Verbrechen an der Menschlichkeit begangen wurden.
Neben dem Maji-Maji-Krieg gab es unzählige kleinere und größere antikoloniale Befreiungsbewegungen und -widerstände.
Zwei nenne ich:
1. Der Araber-Aufstand
Der erste Widerstand organisierte sich, begründet in dem brutalen Auftreten der Deutschen schon nach wenigen Jahren, im September 1888. Da auch Araber, Swahili, Angehörige der muslimischen Oberschicht der Küste beteiligt waren, wurde er als „Araberaufstand“ bekannt. Von deutscher Seite wurde das militärische Eingreifen mit dem Kampf gegen den Sklavenhandel begründet.
Natürlich sahen die Sklaven handelnden Araber auch ihre Interessen bedroht und reagierten dementsprechend..
2. Hehe-Aufstand
1891 Begann der Hehe Aufstandes. Er endet 1898. Das muss man sich vorstellen: 7 Jahre leisteten die Afrikaner Widerstand. nach heftigen Widerstand Das Wahehevolk leistete heftigsten Widerstand. Als die Lage schließlich aussichtslos war, erschoss sich das Oberhaupt Mkwawa um nicht in die Hände der Deutschen zu fallen.
- Aufstände in Arusha (Ausstellung im Museum in der alten Boma)
- Kämpfe am Kilimandjaro
3. Gründe, die den Maji-Maji-Krieg auslösten
4. Der Ausbruch des Krieges
Im Jahr 1904 verkündete der Heiler und Prophet Kinjikitile (Ngwale) in Ngarambe, einem Dorf an den Westhängen der Matumbi-Berge, seine Botschaft des Zauberwassers. Nach dieser sollten sich die Völker vereinigen und gemeinsam gegen die deutsche Herrschaft kämpfen. Das Maji - also das Wasser - galt als Medizin, welche die Gewehrkugeln der Deutschen in Wasser verwandeln würde. Mohammed Nganoga erinnerte sich an die Worte des Kinjikitile:
„Alle verstorbenen Vorfahren werden zurückkehren. Sie sind beim Gott Bokero in Rufiji Ruhingo. Kein Löwe oder Leopard wird Menschen fressen. Wir gehören alle zum Klan des Sultans Said. Dem Klan des Sultans allein. Sei es ein Pogoro, ein Kichi oder ein Matumbi - (das sind Namen einzelner Völker). Wir gehören alle zum Klan des Sultans. Der Löwe wurde zum Schaf und der Europäer zu roter Erde oder zum Fisch im Wasser. Lasst uns ihn schlagen.“
Schnell verbreitete sich die Kunde vom Maji über Hunderte von Kilometern. Die Menschen waren es leid, von den Kolonialherren zur Arbeit gezwungen zu werden, Steuern zu zahlen und immer wieder misshandelt zu werden. Viele waren froh, endlich ein Mittel gefunden zu haben, um sich gegen die entwürdigende Herrschaft der Deutschen zu wehren.
Kinjikitile selbst erlebte den Krieg nicht mehr. Er wurde am 16. Juli 1905 gehenkt. Nur vier Tage später begann der Krieg in Nandete. Am Morgen des 20. Juli (!!!) versammelten sich Ngulumbalio Mandai, Lindimio Machela und andere Einwohner und Einwohnerinnen des Dorfes Nandete in den Matumbi-Bergen, um gemeinsam zu einer der verhassten Kommunalschamben (Felder) zu ziehen, auf der sie zur Arbeit in der Baumwolle gezwungen worden waren.
An diesem Morgen kamen sie nicht zur Arbeit.
Sie kamen, um Baumwollpflanzen auszureißen.
Sie kamen, um der deutschen Kolonialmacht den Krieg zu erklären.
Innerhalb kürzester Zeit dehnte sich der Krieg auf ein Gebiet fast so groß wie die Bundesrepublik aus. Zum ersten Mal in der langen Geschichte des ostafrikanischen Widerstandes gegen die europäische Kolonisation verbanden sich im MajiMaji Krieg zwanzig Völker zu einem gemeinsamen antikolonialen Freiheitskampf.
5. Kriegsverlauf
Die Deutschen reagierten mit drastischer Härte. Unter Einsatz von erstmals benutzten Maschinengewehren wurden Hunderte von MajiMaji Kämpfern getötet.
Mzee Ndundule Mangaia aus Kipatimu erinnerte sich in den 60er Jahren:
„Sie umringten die deutsche Station in mehreren Linien. Die MajiMaji Krieger gaben einige Schüsse ab, aber die Deutschen antworteten nicht. Um fünf Uhr morgens befahl der Europäer seinen Askaris zu feuern. Ach, so viele starben an diesem Tag. Denn sie hatten noch nie von einem Maschinengewehr gehört. Sie dachten, den Deutschen wäre die Munition ausgegangen und sie schlügen jetzt auf leere Büchsen, um ihnen Angst einzujagen. So wurden die Mutigen getroffen. Manche in die Beine, andere in den Rücken und wieder andere ins Gesicht. Viel zu viele starben an diesem Tag. Danach herrschte große Trauer im Land der Matumbi. Von nun an kämpfte man nur noch in kleinen Gruppen und griff die deutschen Askaris aus dem Hinterhalt an.“
Dieser Art der Kriegsführung setzten die Deutschen die Strategie der verbrannten Erde entgegen. Im Oktober 1905 schrieb Hauptmann Wangenheim an Gouverneur von Götzen:
„Nach meiner Ansicht kann nur Hunger und Not die endgültige Unterwerfung herbeiführen. Militärische Aktionen allein werden mehr oder weniger Schläge ins Wasser bleiben. Die Leute werden ihren Widerstand nur dann völlig aufgeben, wenn die vorhandenen Nahrungsvorräte aufgebraucht, ihre Häuser in wiederholten Überfällt zerstört und sie jeglicher Möglichkeit beraubt sind, ihre Felder neu zu bestellen.“
6. Katastrophale Kriegsfolgen
Was diese „Verbrannte-Erde-Taktik“ für die Maji-Maji Kämpfer und vor allem für die Zivilbevölkerung bedeutete, schilderte Mzee Kamelius Kiango aus Nandete:
„Es folgten drei Jahre des Hungers. Wer sie überlebte, tat dies durch die Vorsehung. Es war eine furchtbare Hungersnot, bei der manche ihre Kinder und Frauen verleugneten ... Sie wurde fugu fugu genannt. Weder vor noch nach MajiMaji hat es je Vergleichbares gegeben. Andere Hungersnöte sind nur Kinder im Vergleich zur Hungersnot nach MajiMaji. Die Menschen starben wie die Fliegen und ihre Leichen, die niemand mehr begraben konnte, bleiben einfach liegen. Die Menschen schliefen im Freien, denn es gab keine Häuser mehr. Die Löwen holten sich einen nach dem anderen ... Vor dem Krieg war das Land so dicht besiedelt, dass es sehr schwer war, ein Stück Land zum Bewirtschaften zu finden ... Jetzt aber ist hier alles zugewachsen und verwildert...“
Im Februar 1907 wurde der Kriegszustand aufgehoben. 15 Europäer und Europäerinnen waren in diesem Krieg ums Leben gekommen. Die Opfer auf afrikanischer Seite sind ungezählt. Schätzung reichen bis zu 300.000 Menschen.
Der Krieg hatte langfristige Folgen
1. Ganze Landstriche wurden entvölkert. Auf dem Gebiet des Selous Game Reserve, des größten Nationalparks Afrikas, für den heute mit unberührter Wildnis geworben wird, waren vor hundert Jahren Menschen zu Hause, die im Maji-Maji-Krieg ums Leben kamen oder vor der Hungerkatastrophe fliehen mussten. (siehe Landkarte)
Bis heute sind weite Teile des Südens in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung benachteiligt durch eine schlechte Infrastruktur.
2. Der Maji-Maji-Krieg wird als Geburtsstunde des nationalen Freiheitskampfes gewertet. So Nyerere 1958 in einer Rede vor der UNO.
7. Kontinuität des Kolonialismus in Deutschland
7.1. Revidierte Kolonialpolitik
Es gibt nur „ein positives Ergebnis“ des Krieges. Im April 1906 wurde der bisherige Gouverneur von Götzen abgelöst und durch Freiherr Albrecht von Rechenberg als erstem zivilen Gouverneur ersetzt. Gemeinsam mit dem neuen deutschen Kolonialdirektor Bernhard Dernburg wurde die Kolonialpolitik neu konzipiert. Die ökonomischen Bedürfnisse der afrikanischen Bevölkerung wurden jetzt stärker berücksichtigt, die Willkür der Siedler eingeschränkt, alles mit dem Ziel, offenen Widerstand in Zukunft auszuschließen.
Mit dem 1. Weltkrieg gingen mit dem Versailler Vertrag die deutschen Kolonien verloren.
Aber noch 1919 wurde General Lettow-Vorbeck bei einem Triumphzug durch das Brandenburger Tor zugejubelt. Es gab weiterhin ein Kolonialministerium“.
Während der Weimarer Republik organisierten sich Kolonialbeamte und andere Kolonialinteressen verfolgende in den verschiedensten Verbänden, z.B.: Kolonialpfadfinder. In der Nazizeit wurden alle Verbände im Reichskolonialbund“ gleichgeschaltet.
7.2. Vom Kolonialismus zum Nationalsozialismus
Von der Kolonial-Khaki Uniform zur SA Es gibt ein bemerkenswertes Kontinuum von der deutschen Kolonialbewegung zum Nationalsozialismus. Als nach dem Hitler-Putsch Göring, Röhm u.a. sich 1924 neu zur SA (Sturm Abteilung) organisierten und es um die zukünftige Uniformierung ging, wurde das „Lettow-Hemd “ vorgeschlagen. Hitler gab später sein Einverständnis. So bekam durch das Lettow Hemd die Partei auch ihre Farbe: „Die Braunen“, die braune Gesinnung“.
7.3. Misshandlung und Tötung afrikanischer Kriegsgefangener während der
Weltkriege (siehe „Die Zeit“ Nr. 3, 12. 2006)
Während des 2. Weltkrieges wurden zahlreiche Massaker an schwarzafrikanische Kriegsgefangene verübt. In der Nähe von Amiens wurde von deutschen Soldaten das 24. Sengal-Schützenregiment eingeschlossen und gefangen genommen. Nach der Gefangennahme“ stürzten sich die Deutschen“, so der französische Kommandeur, „ mit noch nie da gewesener Brutalität auf die Senegalesen. Sie stachen sie mit den Bajonetten und schlugen mit Gürtelschnallen auf sie ein.....Als ich gegen die Misshandlungen der gefangenen Soldaten protestierte, antwortete mir ein Oberst: <Das sind doch nur Wilde>“.
-„Auch heute wieder hat Frankreich die grausamen schwarzen Bestien us dem Urwald auf uns losgelassen.“
- „Diese Mordbestien finden bei uns kein Pardon“. (Völkischer Beobachter, 1.5.1940)
7.4. Denkmäler und Straßennamen
Während noch zahlreiche Denkmäler und Straßennamen die deutsche Kolonialherrschaft würdigen, findet sich keine Ehrung der Kolonisierten, keine Geste des Eingeständnis' kolonialer Schuld. Die vermeintlich positiven Errungenschaften in den Kolonien werden herausgestellt, ohne dass die Schrecken dieser Zeit und die massiven Eingriffen in die Würde von Hunderttausenden Menschen in Afrika Erwähnung finden. Bis heute findet man Kontinuitäten, die deutlich machen, dass die selbstkritische Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus noch nicht stattgefunden hat.
(Siehe Exkurs am Ende)
7.5 Rassismus. Dabei geht es nicht nur um offenen Rassismus, sondern auch um Formen des täglichen Miteinanders, die die Tanzanierinnen und Tanzanier nicht als gleichberechtigt anerkennen. Wie ist denn das Verhältnis zwischen den Touristen und den Trägern, die deren Kameraausrüstung bis zum Gipfel des Kilimandjaro schleppen? Wie gestaltet sich das Verhältnis in Missionsstationen und Projekten der staatlichen und nichtstaatlichen Zusammenarbeit? Wer hat das Sagen? Wer entscheidet, wie welche Gelder ausgegeben und wo Schwerpunkte gesetzt werden? Auch wenn Tanzanier oft ökonomisch schlechter gestellt sind als wir, bedeutet es doch nicht, dass sie nicht wissen, was gut für sie ist.
Schwerwiegender ist der subtile Rassismus bis hinein in unsere Partnerschaftsgruppen. „Die da unten“ , d.h. wir sind „die da oben“.
In Reiseberichten: „Hütten“ - die Menschen wohnen in Häusern!, „Stamm“, „Mischling“ usw.
7.6 Fortgesetzte Ausbeutung Kontinuitäten auf Kosten der Menschen in den ärmeren Ländern. Wer freut sich nicht über das Schnäppchen im Klamottendiscounter oder die Preissenkung beim Kaffee? Wen interessiert da noch, wie es den 200 Millionen Menschen geht, die weltweit auf den Baumwollfeldern schuften müssen und dass jährlich 30.000 von ihnen an den Folgen der Vergiftung durch Pestizide sterben. Heute wie damals werden Menschen für die Sicherung unseres Wohlstands ausgebeutet.
In Tanzania viele Geschädigte durch Chemikalieaneinsatz in der Blumenindustrie.
Sicher gibt es auch viele positive Beispiele, die Partnerschaft auf Augenhöhe praktizieren und die Tanzanier als gleichwertig und gleichberechtigt anerkennen. Zuallererst gehören hierher ganz sicher die Bemühungen der vielen Partnerschaftsgruppen in unserem Land. Aber partnerschaftliches Denken und Handeln ist kein gesellschaftlicher Konsens in Deutschland. Der Weg dorthin ist noch weit und er muss damit
Beginnen, dass wir uns der Thematik stellen, uns kundig machen und anerkennen, dass schwere Menschenrechtsverletzungen geschehen sind.
Die Fragen nach Entschuldigung und Entschädigung lösen immer wieder noch heftiger Debatten aus.
- Mit Argumenten, dass Tanzania als Schwerpunktland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit insgesamt schon mehr als eine Milliarde Euro erhalten hat und dass die bilateralen Schulden gestrichen wurden, sei eine indirekte Wiedergutmachung erfolgt.
Man muss gar nicht zynisch sein: Ein Hohn: 10 Tage nach dem Maji-Maji Gedenken in Songea wird ein Finanzierungsabkommen von 18.—Mill. € abgeschlossen.
(Der deutsche Botschafter in TZ , Herr Ringe, hat bei der Gedenkveranstaltung am 28.Februar 2006 in Songea lediglich die Fakten benannt, aber nicht als Schuld anerkannt).
- Dass Entschuldigungen nach vier Generationen nicht mehr ernst gemeint sein können, weil Täter und Opfer nicht mehr am Leben sind, ist ein anderes Argument.
- Sogar, dass der Kolonialismus im Grunde ja gar nicht so schlecht war und nur falsch umgesetzt wurde, ist immer noch zu hören.
Wir scheuen die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema möglicherweise auch deshalb, weil wir dann zur Kernfrage vordringen müssten, der Frage, was uns überhaupt dazu bewegt, uns in Afrika zu engagieren, und was auch unsere Vorfahren dazu motiviert hat.
Was hat sie und uns berechtigt, nach Afrika zu gehen, unsere vermeintliche kulturelle und zivilisatorische Mission durchzuführen, tief in gesellschaftliche Strukturen einzugreifen?, Unsere Religion dort zu präsentieren?
Die Beantwortung dieser Fragen würde uns womöglich in einen Konflikt bringen, der unsere eigene Arbeit in Kirche, Mission und Ökumene sowie in der Entwicklungszusammenarbeit und der Partnerschaftsarbeit, die wir -+aus voller Überzeugung tun, grundsätzlich in Frage stellen könnte. Wir müssen uns also fragen, welche Konsequenzen ziehen wir aus den Einsichten, die wir gewinnen aus der Beschäftigung mit unserer Geschichte. Fortschrittlich wäre, wenn wir dabei die Stimmen unserer tanzanischen Partnerinnen und Partner berücksichtigen würden.
9. Perspektiven
Im Jahr 2005 gab es zahlreiche Bemühungen verschiedener Institutionen, sich mit dem Maji-Maji-Krieg auseinander zu setzen: Vorlesungsreihen an Universitäten, Seminare und Tagungen verschiedener Organisationen, Gottesdienste, Zeitungsartikel, Buchprojekte, eine Ausstellung, die Sie heute hier sehen können, Inszenierungen des Theaterstücks Kinjikitile von Ibrahim Hussein. Am nationalen Gedenktag, dem 13. November 2005, dem Volkstrauertag (auch für die deutschen Kolonialsoldaten, nicht aber für die afrikanischen Toten!) gab es in Berlin einen Gedenkmarsch und eine Gedenkveranstaltung.
Diese Veranstaltungen und Aktionen haben dazu beigetragen, die deutsche Kolonialgeschichte am Beispiel des Maji-Maji-Krieges ins Bewusstsein zu rücken, doch nicht weit genug.
Mit der „Wuppertaler Erklärung“ liegt ein wichtiges Arbeits- und Diskussionspapier vor. Es liegt hier aus. Die Beiträge auf der nationalen Gedenkveranstaltung in Berlin am 13. November 2006, dem Volkstrauertag, haben zu einer Deklaration geführt, die hier auch ausliegt.. Adressat sind das Parlament und die im Parlament vertretenen Parteien. Ziel der Deklaration ist es, dass der Maji-Maji-Krieg und die deutsche Kolonialpolitik in eine öffentliche Debatte einmündet.
Wir fordern von der Bundesregierung und von den im Parlament vertretenen Parteien
- ein klares Bekenntnis zur historischen Verantwortung für die Verbrechen der Kolonialherrschaft und ein deutliches Zeichen des Bedauerns und der Entschuldigung.
- den Einsatz für die Aufarbeitung der deutschen kolonialen Vergangenheit und die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Initiativen in diesem Prozess.
- die Reflexion der deutschen kolonialen Vergangenheit und heutiger Afrikabilder und die aktive Auseinandersetzung mit Rassismus als verbindlichen Bestandteil des Unterrichts in Schulen und staatlichen Bildungseinrichtungen.
- die Förderung von Beziehungen zwischen den Menschen in Tanzania und Deutschland z.B. durch die Wiedereröffnung des Goethe-Instituts in Dar es Salaam.
- Die konsequente Unterstützung des Fairen Handels mit Produkten aus Tanzania.
- Wir fordern symbolische Wiedergutmachungen durch die Umbenennung von Straßen und Plätzen, die unreflektiert die koloniale Vergangenheit ehren, zugunsten von tanzanischen Persönlichkeiten,
- die Errichtung von Orten des Gedenkens an die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft, die öffentlichkeitswirksame Rückführung der in Deutschland aufbewahrten Gebeine von damals Getöteten nach Tanzania.
Wir uns freuen, wenn Sie uns dabei unterstützen und diese Deklaration unterschreiben.
Das Tanzania-Network e.V. setzt sich dafür ein, dass die Debatte national weitergeführt wird.
Darum sind wir Gründungsmitglied der nun breiter angelegten Bewegung: DEPO - Deutschland Postkolonial - Erinnern und Versöhnen“. Diese Initiative ist am vergangenen Wochenende gegründet worden und hat sich die Aufgabe gestellt, die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte insgesamt voran zubringen. Dabei ist ein breites Spektrum von Initiativen, Wissenschaft und Forschung präsent.
Ich denke Ihnen noch einmal für die Einladung, für den Preis und für Ihre Aufmerksamkeit.
(Text: Johannes Paehl / Kornelia Freier)
Exkurs: Carl Peters
Im Deutschen Reich gab es gegen Bismarck von Großmachtgelüsten getriebene starke Kräfte, die Deutschland zur Kolonialmacht machen wollten. Carl Peters war einer der Hauptpropagandisten. Seine Motivation im heutigen Tanzania eine deutsche Kolonie zu gründen war zuerst sehr egoistisch, nämlich „dass ich einem Herrenvolk anzugehören wünschte“. 1884 gründete er die „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“ mit dem Ziel: “....die rücksichtslose und entschlossene Bereicherung des eigenen Volkes auf anderer, schwächerer Völker Unkosten“. Bei seinen sogenannten Schutzverträgen täuschte und betrog er (durch Alkohol) die vertrauensvollen lokalen Autoritäten so, dass diese für ein paar billige Geschenke Peters und seinen Freunden die Rechte völliger und uneingeschränkter Ausnutzung ihrer Gebiete überließen. Nach Deutschland zurückgekehrt wollte er von Bismarck einen Schutzbrief für die eroberten Gebiete. Bismarck lehnte ab. Die 1884-1885 in Berlin stattfindende Afrika Konferenz. Da wurde Afrika gleichsam per Lineal unter die europäischen Großmächte aufgeteilt. Diese Konferenz brachte für Peters die Wende. Bismarck änderte seine Position. Am Tag nach der Konferenz erhielt Peters vom Kaiser den ersehnten Schutzbrief. Damit holte er weitere Gebiete zusammen. Letztendlich war das eroberte Gebiet doppelt so groß wie das Deutsche Reich. Neben vielen konservativen politischen Kräften, die Peters stützten, bzw. die er für sich gewann, gab es auch sehr kritische und Ablehnende Gruppierungen, insbesondere in der Sozialdemokratie, z.B. August Bebel. Peters selbst hat sich durch seine brutale Amtsführung letztendlich selbst ins Abseits gebracht. Durch eine Einigung zwischen Engländern und Deutschen hinsichtlich der deutsch-englischen Einflusssphären, wurde Peters kalt gestellt. Er wurde zum Reichskommissar am Kilimandjaro degradiert. Dort wurde er, nachdem er auch für die Kolonialbehörden nicht mehr tragbar war, als „Hänge-Peters“ entlassen. (Als er erfuhr, dass seine Geliebte auch eine Affäre mit seinem schwarzen Diener hatte , >solche eine Frechheit< ließ er sie in einer brutalen Weise hängen). Peters hat nur geringschätzig verächtlich und herablassend von den afrikanischen Menschen gedacht und gesprochen, ein Rassist. (Hierzu im einzelnen in: Martin Baer/Olaf Schröter: Eine Kopfjagd: „Ein Reich nach meinem Geschmacke“ Carl Peters und der Beginn der Kolonisation in Deutsch-Ostafrika und: Der Fall „Hänge-Peters“).