Verständnis des Maji-Maji Krieges in Tanzania 1905-1907

Versuch einer Kurzfassung meiner Darlegungen zum Verständnis des Maji-Maji Krieges in Tanzania 1905-1907

Von Anthropologe und Religionssoziologe Dr. Wilhelm Otte

Vortrag auf der DETAF-Jahresversammlung in Königswinter 02.04.2005

Vorwort:

Hat es je in der Geschichte der Menschheit eine Gesellschaft oder eine Kultur gegeben, die über eine perfektere und intensivere Kommunikationsmöglichkeit über die Welt hin verfügt hat, als die weiße Kultur? Hat es je eine Kultur gegeben, die weltweit so einflussreich und bestimmend war wie die europäische? Jeder weiß, dass das nicht der Fall war. Man müsste jedoch weiterfragen: Hat sich je eine Kultur, die sich gebildet, fortschrittlich, kultiviert, ja christlich nannte, mehr durch Hochmut und Menschenverachtung hervorgetan als die europäische, weiße? Lässt sich die Diskrepanz erklären, die zwischen technologischen, ökonomischen, wissenschaftlichen und kulturellen Möglichkeiten Europas und ihrem Verhalten der übrigen, vor allem der so genannten Dritten Welt gegenüber auftut? Was wissen die Europäer oder die Deutschen wirklich von den Menschen und Kulturen der so genannten Dritten Welt? Wie soll eine Zukunft aussehen, in der die großen Orientierungen in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur nicht durch eine gegenseitige Kenntnisnahme und Tolerierung zwischen unterschiedlichen Welten in einem konstruktiven, geistig-kulturellen Kommunikationsprozess gestaltet und zu einem Fundament der Koexistenz und Toleranz gemeinsam erarbeitet werden? Das eine solche gemeinsame Basis im Minimal-Fall auf einem machtpolitischen Patt beruhen kann, wie das Ost-West-Verhältnis zeigte, sollte uns nicht abschrecken, zu all den Völkern und Kulturen der so genannten Dritten Welt eine konstruktivere interkulturelle Beziehung aufzubauen, die die Voraussetzung zu allen anderen auch wirtschaftlichen Beziehungen sein muss. Der Westen hat übersehen, dass auch die entwicklungspolitischen Maßnahmen - welcher Art auch immer - geistig-kulturelle Prozesse auslösen, die nicht beachtet und nicht von vornherein in die Überlegungen einbezogen, geschweige denn gestaltet worden sind. Die geistigen, kulturellen und religiösen Backgroundbeziehungen der Entwicklungsmaßnahmen sind nicht respektiert und einbezogen worden. Die Anstrengungen auf dem Gebiet der interkulturellen Kommunikation sollen helfen, sowohl die deutsche Gesellschaft und Kirche über die Kulturen der so genannten dritten Welt zu informieren als auch eine offenere , konstruktivere und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Kulturen und Völkern der Übersee zu realisieren.

  1. Zum Rahmen der Überlegungen:

Prinzipien, die mir in meinen Erfahrung und Studien wichtig geworden sind. Ich möchte sie als Einführung bei den Überlegungen beachtet wissen:

    1. Es gibt keine 1.;2.;3.;4.; und 5. Welt. Es gibt nur eine Welt, die sehr komplex und vielgestaltig ist, aber nicht aufgeteilt werden kann, wenn es um den Menschen geht, so viele Kriterien es sonst geben mag!
    2. Es gibt für mich keine unterentwickelten Kulturen. Alle Menschen haben versucht auf ihre Sinnfragen, ihre Sinnantworten zu geben. Was die Europäer sind, verdanken sie zum größten Teil dem Christentum. Seine Grundwerte sind fundamental für die europäische Welt. Das gilt auch für die Europäer, die ohne Christentum auszukommen vorgeben.
    3. Menschheit ist immer mehr als eine Kultur auszufüllen vermag. Die logische Konsequenz ist die interkulturelle Kommunikation. Sie ist für die Basis der Koexistenz unabdingbar notwendig. Sie stellt gleichzeitig eine Möglichkeit gegenseitiger Bereicherung dar. Für jede Form der Partnerschaft und der Zusammenarbeit ist sie unerlässliche Voraussetzung.
    4. Aus der Begrenzung des Einzelnen, der Gesellschaft und der Kultur ergibt sich des weiteren die Notwendigkeit der interkulturellen Kommunikation. Die afrikanische Weisheit: „Du kannst nur Mensch sein durch den anderen“ gilt nicht nur für die Familien und Volksgemeinschaften, sie gilt weltweit, sie gilt für die Menschheit.
    5. Entwicklung ist ein relativer Begriff. Entwicklung kann nicht von uns weg projiziert werden in irgendwelche anders geartete Situationen. Jede Situation ist Entwicklungssituation. Das erste Entwicklungsprojekt bin ich selber. Dann ist es meine Gesellschaft. So ist die Entwicklungsproblematik mit allen menschlichen Situationen verbunden. Wir sollten nicht so tun, als würde man Entwicklung von „oben nach unten“ definieren können. Es ist zu beobachten, dass Kulturen ihre geistige Kapazität offensichtlich unterschiedlich „investiert“ haben. So gibt es eine Entwicklung der „inneren Welt“ und eine Weltgestaltung der „äußeren“ Welt.
    6. Wir müssen unsere Begriffe „Entwicklung“, „Entwicklungsländer“, „Entwicklungshilfe“, „Entwicklungshelfer“ etc. neu überdenken.
  1. Phänomenen wie dem Maji-Maji Aufstand, dem Herero -Genozid und ähnlichen kann man nicht gerecht werden, wenn man sie nicht auch betrachtet vor dem Hintergrund der Kultur der betroffenen Menschen.

Es ist nicht genug, die Katastrophe der Niederschlagung des Aufstandes der Völker Tanzanias aufzuzeigen und zu bedauern. Das Unrecht und die grausame Machtpolitik der deutschen Kolonialherren war und bleibt eine beschämende und unmenschliche Sache. Es bleibt jedoch die Gefahr, das Problem in eine gefährliche Schieflage zu bringen, wenn man in der Darstellung des Maji-Maji Aufstandes das ungeheure Unrecht der Deutschen in Verbindung bringt zu einer Reaktion der Afrikaner, die sich von ihrem Propheten Kinjikitile verleiten lassen zu glauben, die Geschosse der Deutschen würden sich durch seine geistige Macht in Wassertropfen auflösen. Was sind das für Menschen, die so etwas behaupten und glauben, um dann zu Tausenden im Maschinengewehrfeuer der Kolonialsoldaten zu verbluten? Was ist das für eine Kultur? Ist die ganze Geschichte nicht unglaublich lächerlich?

  1. Einige Bemerkungen zur Darstellung afrikanischer Kulturen, die religionssoziologisch quer durch den Kontinent vergleichbar sind.

Prinzipiell gilt: Ohne eine subtile Kenntnis der beeindruckenden afrikanischen Kultur würde man vielleicht die politische und menschliche Seite des Maji-Maji Aufstandes würdigen können. Die Dramatik des Geschehens und die erschütternde Konfrontation zweier unverstandener aufeinander prallender Welten würden nicht begriffen.

1. Afrikanische Kulturen sind Wortkulturen.

Ihr Zugang zur Wirklichkeit ist nicht verobjektivierende, analysierende Ratio, sondern die ganzheitlich begreifende, geistig-religiöse Intuition: Die Intuition versteht die Wirklichkeit als eine alles umfassende geistig begründete Wirklichkeit, die sich nicht „dichotonisch“ = „zerschnitten“ darstellt. Es ist im letzten die Wirklichkeit Gottes. Sie umfasst die Existenz der Übernatur mit Geistern und geistigen Mächten, der Welt der Ahnen und die sichtbare Welt.

2. Das Leben der Menschen kommt von Gott durch die Ahnen an die Lebenden. Der Wert dieses Lebens erweist sich in seiner Stärke und Fruchtbarkeit, d.h. in der Weitergabe des Lebens (Kinder), in allen Talenten und Erfolgen in persönlicher und gesellschaftlicher Situation.

3. In der Mitte dieses Lebens steht der Mensch. Auf ihn bezogen sind alle Bereiche des Lebens.

Hier liegt die Begründung des afrikanischen Lebensphilosophie: „Du kannst nur Mensch sein durch den anderen“

4. Daraus folgt auch, dass die Gemeinschaft die fundamentale Lebensbasis ist: „Du bist, weil wir sind!“

5. Das Problem ist die Introversion des Denkens und Lebens in die eigene Gemeinschaft und Kultur, die verabsolutiert wird und zum Tribalismus bis hin zum Rassismus führen kann. Die Lösung sind einzig die universell geltenden Werte, die für alle Menschen gelten und aus dem Evangelium stammen: Alle Menschen sind Kinder des einen Vaters.

6. Bis zur Zeit der Berührung mit der Welt der Weißen galt für die Afrikaner eine Welt, die vom Geistig-religiösen bestimmt war mit vielen Erscheinungsformen der parapsychologischen Welt. Der Bereich der wissenschaftlich begründeten Technologie und ihrer Anwendung war unbekannt.

Die Tatsache grundsätzlich geistig-religiös orientiert zu sein, bedeutet nicht, die konkrete Wirklichkeit dadurch auch geistig beherrschen und beeinflussen zu können. Die Eigengesetzlichkeit der konkreten Welt ist gottgewollt wie die der geistigen Welt, und Anteilnahme an dieser geistig-religiösen Welt heißt nicht, sie auch eigenmächtig einsetzen zu können: Der Mensch ist nicht Gott!

7. Die Erfahrung der scheinbar hoffnungslos überlegenen weißen Welt löste einen existentiellen Schock für die Afrikaner aus und die fehlende interkulturelle Kommunikation verleitete zu einer Konfrontation, die tragisch enden musste.

Fazit:

Nach meiner Meinung ist das Kernproblem des Maji -Krieges eine dramatische Interkulturelle Konfrontation. Hinter den Gründen der Auflehnung gegen Ausbeutung und menschunwürdige Behandlung herrscht die Existenzangst und die Erfahrung der unverstandenen, scheinbar hoffnungslos deutlichen Überlegenheit der weißen Kultur. Die Afrikaner stehen mit dem Rücken zur Wand: Ihre „Ngolo“, ihr „Leben“ scheint zusammenzubrechen, es scheint der Untergang ihrer Welt zu sein, der nicht hingenommen werden kann. Der Prophet Kinjikitile beschwört den „Machtvergleich“. Es ist das Bemühen, die eigene Welt zu retten. Wenn das Wasser (der „Zauber“= die geistige Macht) nicht wirkt, ist alles verloren, ist die Welt der Nyamwesi dem Untergang geweiht! Ein klassischer Fall einer interkulturellen Konfrontation, die im Grunde auf tragischen Missverständnissen beruht, die durch das Fehlen der interkulturellen Verständigung zu Stande kommen.





Dieser Artikel kommt von Veranstaltung zum 100 jaehrigen Gedenken an den Maji-Maji-Krieg
http://majimaji.de


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