Von Jigal Beez, Bremen [ Buchautor: Der Maji-Maji-Krieg
| Geschosse zu Wassertropfen ]
Vortrag auf der DETAF-Jahresversammlung in Königswinter 02.04.2005
Meine Damen und Herren ich möchte mich recht herzlich für die Einladung zu diesem Seminar bedanken. Ich wurde gebeten hier zwei Präsentation zu halten. Später werde ich etwas über die Folgen des Maji-Maji-Krieges erzählen, doch zunächst geht es um die Maji-Botschaft des Propheten Kinjikitile. Was mich am Maji-Maji-Krieg am meisten bewegte, als mich begann mich mit diesem Konflikt zu beschäftigen war die Frage: Wieso glauben Menschen, dass Gewehrkugeln zu Wasser verwandelt werden können; und vor allem, wieso glauben sie es immer noch, nachdem Hunderte von ihnen erschossen wurden? Die Maji-Botschaft hatte eine so große Kraft, dass sie Tausende Menschen gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner mobilisieren konnte. Denn neben der offensichtlichen Unterdrückung durch die deutsche Kolonialherrschaft und den anfänglichen militärischen Erfolgen der Maji-Krieger, war es vor allem die mit den lokalen Glaubensvorstellungen kompatible Maji-Botschaft, die für die rasche Ausbreitung des Krieges sorgte.
Beginnen möchte ich diesen Vortrag mit einem Zitat von Joseph Sihaba. Joseph Sihaba war das was man in der Kolonialzeit einen „Missionszögling“ nannte. Joseph Sihaba wohnte auf der Missionsstation der Benediktiner in Peramiho in Ungoni im Südwesten der Kolonie und wurde dort zum Tischler ausgebildet. Er schrieb einen Bericht über „Die letzten Tage von Peramiho“, den Pater Wehrmeister später veröffentlichte. Darin beschreibt Sihaba die Maji-Botschaft folgendermaßen:
„Seit Monat August haben wir gehört, in Ungindo sei ein Kimulungu (ein Geist) angekommen, woher hat niemand gewußt und dieses Kimulungu habe eine
dawa [Medizin] bei sich. Diejenigen, die davon trinken und dann mit den Deutschen Krieg führen, werden von ihren Kugeln nicht erreicht und werden nicht tot. Dieses Kimulungu hat einen Affen bei sich und der braucht nur aufs Dach zu steigen und es anzuzünden und das Haus brennt zusammen. Ein Mädchen ist auch dabei und wenn viele Leute kommen, dann nimmt es eine Handvoll Maiskörner oder
mtama [Sorghumhirse] und streut es auf die Leute und diese fallen und sterben, so viele es auch sind.“
Soweit Joseph Sihaba. Als die Botschaft in Ungoni, im Südwesten Tansanias ankam hatte sie schon mehr als 500 Kilometer hinter sich. Der Ursprungsort dieser Botschaft lag in den Matumbibergen, im Osten des Landes im Hinterland der Hafenstadt Kilwa. Als Prophet dieser Botschaft wird ein Heiler Namens Kinjikitile Ngwale erinnert. Es gibt zwar keine Bilder vom historischen Kinjikitile, jedoch möchte ich trotzdem 2 Bilder von ihm zeigen. Bild 1 (Foto Beez) ist eine Statue, die auf einen Obelisken in Kilwa Kivinje steht, der an den Maji Maji Krieg erinnert. Bild 2 (Foto Fiebach) stammt von den Proben zum Theaterstück Kinjikitile des Dramatikers Ebrahim Hussein. Sein Stück wurde 1969 von Studierenden der Universität Dar es Salaam unter der Leitung von Joachim Fiebach uraufgeführt. Über das Leben des historischen Leben vor den Ereignissen die zum Maji-Maji-Krieg führten ist wenig bekannt.
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Bild 1
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Bild 2
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Kinjikitile gehörte zum Volk der Ikemba, denen nachgesagt wird, sie seien „bis zum heutigen Tag berüchtigt für ihre Magie,“ wie ein Historiker es in den 50er Jahren formulierte Nur wenige Jahre bevor der Krieg ausbrach soll Kinjikitile in das Dorf Ngarambe gezogen sein. Ngarambe liegt an den Westhängen der Matumbiberge, etwa achtzig Kilometer von der Küste entfernt. Da sich dort verschiedene Wege kreuzten siedelten sich nicht nur Matumbi in Ngarambe an, sondern auch Angehörige der Pogoro, Ngindo und Ikemba. Kinjikitile wird als eine große, eindrucksvolle Person mit langen Haaren geschildert, die stets einen Kanzu, ein weißes Gewand, trug. Kinjikitile schien nicht allzu alt zu sein, denn es wird berichtet, dass er noch keine grauen Haare hatte. Bevor Kinjikitile zum Propheten der Maji-Botschaft wurde, war er ein Heiler. Seine Fähigkeiten werden folgendermaßen beschrieben:
„Kinjikitie übertraf alle anderen Heiler. Er war mächtiger und viel weiser als die anderen. Er konnte den Leuten geheime Dinge sagen, obwohl er nur ein Neuankömmling in Ngarambe war. Seine Anweisungen waren gut. Es sagte, Ehebruch sei schlecht, da er den Körper schwäche und Gott ihn verurteilt. Auch Hexerei sei schlecht und von Gott nicht gewollt. Da sagten die Leute: Oh, dieser Mann hat wirklich eine Verbindung zu Gott, wenn er sogar Hexerei verbietet [ohne die Hexer fürchten zu müssen].“
Kinjikitile war ein besonderer Heiler, der seine Patienten nicht nur mit Medizin aus Kräutern, Wurzeln oder andern Naturmitteln behandelte, sondern zur Therapie auch auf seine Fähigkeiten setzte, mit den Geistern zu kommunizieren, welche die Kranken störten. Als Heiler war Kinjikitile zwar respektiert, genoss aber keine besonders herausragende Stellung. Das änderte sich, als er eine Vision hatte, die den gesamten Süden Tansanias nachhaltig verändern sollte.
Herr Mohamed Nganoga erzählt die Erinnerungen an Kinjikitiles Vision:
„Er wurde eines Tages morgens gegen neun von einem bösen Geist erfasst. Jeder sah es, auch seine Frau und seine Kinder. Sie sonnten sich vor dem Haus, als sie sahen wie er auf seinem Bauch kroch und seine Hände nach vorne streckte. Sie versuchten seine Beine zu ergreifen, um ihn zurückzuziehen, doch es war unmöglich und er schrie, dass er nicht zurückgehalten werden wolle und dass sie ihm wehtäten. Dann verschwand er in einem Teich. Er schlief dort drinnen und seine Verwandten schliefen am Rande des Teiches und warteten auf ihn. Diejenigen, die schwimmen konnten, tauchten hinab in den Teich, aber sie sahen nichts. Dann sagten sie: „Wenn er tot ist, werden wir seinen Leichnam sehen. Wenn er von einem Tier oder Wassergeist ergriffen wurde werden wir ihn tot oder lebendig wieder sehen.“ So warteten sie und am folgenden Morgen, wiederum gegen neun, erschien er unverletzt und mit trockenen Kleidern, genau so, wie er sie am Vortag angezogen hatte. Nachdem er zurückgekehrt war begann er prophetische Dinge zu reden. Er sagte: „Alle verstorbenen Vorfahren werden zurückkehren. Sie sind beim Gott Bokero in Rufiji Ruhingo. Kein Löwe oder Leopard wird Menschen essen. Wir gehören alle zum Klan des Sultans Said, dem Klan des Sultans allein. Sei es ein Pogoro, ein Kichi oder ein Matumbi, wir gehören alle zum Klan des Sultans.“ Der Löwe wurde zum Schaf und der Europäer zur Roten Erde oder zum Fisch im Wasser. Lass uns ihn schlagen. Und er fing zwei Löwen, welche er mit einer Schlingpflanze anpflockte. Und die Leute tanzten [...] vor diesen beiden Löwen, doch sie blieben harmlos. Und dann verbreitete sich das Wort dieses Mannes weit.“
Kinjikitile verkündete in seiner Vision ungeheuere Dinge, im Effekt eine Umkehr der bestehenden Ordnung. Gefährliche Raubkatzen wurden zu friedlichen Wesen und die verstorbenen Ahnen sollten im Kampf gegen die als übermächtig erscheinenden Deutschen beistehen. Kinjikitiles Vision stand in einem Zusammenhang mit einem merkwürdigen Ereignis, von dem berichtet wird, dass es kurze Zeit vor seinem Verschwinden statt fand. Auch dieses Ereignis war jenseits des Gewöhnlichen, soll es sich doch um eine Riesenschlange gehandelt haben, die sich in einen Mann verwandelte.
Der tansanische Historiker Gilbert Gwassa schildert das Ereignis mit der Schlange sehr anschaulich:
„Eine riesige Schlange von einer Art und Größe, wie sie niemals zuvor gesehen worden war und mit dem Kopf eines kleinen schwarzen Affen besuchte eines Tages das Haus des alten Herrn Machuya Nnundu in Lihenga nahe des Ortes Ngarambe. Die Schlange war zu groß für das Haus, so dass ihr gewundener Körper aus dem Haus herausquoll, während ihr Kopf über den Körperwindungen aus dem Eingang des Hauses hervorschaute. Sie hatte rote glühende Augen und starrte Furcht erregend auf die Leute, die im Laufe der folgenden drei Tage kamen, um den ungebetenen Gast zu betrachten. Die Schlange hatte die Farben des Regenbogens, ein göttliches Attribut. Am dritten Tag war die Schlange auf wundersame Weise verschwunden. An jenem Nachmittag waren zwei Frauen auf dem Feld mit der Hirseernte beschäftigt als sie plötzlich einen Mann erblickten, der in einem gleißend weißen Gewand gekleidet war. Es war so weiß, dass man es in der Nachmittagssonne nicht anschauen konnte. Doch bevor sie vor Schreck davonlaufen konnten, verschwand der Mann und weder er noch die Schlange wurden jemals wieder gesehen.“
Das Auftreten großer Schlangen wird in Ostafrika oft als göttliches Zeichen gedeutet, ist doch die Schlange selbst als ein Gottessymbol, dem an Schreinen geopfert wurde, um Regen und Fruchtbarkeit zu erbitten. In diesem Fall steht die Schlange im Zusammenhang mit dem Gott Bokero. Bokero hatte in der Ausbruchsgegend des Maji-Maji-Krieges in der Nähe des Rufiji-Flusses Schreine, an denen ihm geopfert wurde. Einer dieser Schrein befand sich an den Pangani Schnellen des Rufiji. Regelmäßig wurden diese Schreine von den Beauftragten verschiedener Klane besucht, um durch das Opfern von schwarzen Tieren um Niederschläge zu bitten. Die schwarze Farbe des Fells der Opfertiere steht dabei für die dunklen Wolken, die Niederschläge bringen. Zuwenig Regen lässt die Pflanzen vertrocknen, zuviel hingegen führt zur Überschwemmung der Felder und zur Vernichtung der Ernte. Aber Niederschläge in der richtigen Menge verheißen eine gute Ernte und somit ein sorgenfreies Leben. Durch die Kontrolle des Wassers war Bokero für das Wohlergehen der Bewohner verantwortlich. Man hielt Bokero für so mächtig, dass man ihm auch zutraute, die Deutschen, die die Bewohner der Rufiji-Region gängelten, vernichten zu können. Aus einigen Gegenden wird berichtet, dass die Deutschen einer Flutwelle, zum Opfer fallen sollten. Auch diese mächtige Wassermasse wurde von dem Gott geschaffen. Und tatsächlich gab es im Jahr 1906 auch eine große Flut in der Rufiji-Region.
Dafür, dass Kinjikitiles Vision mit Göttern und Geistern zu tun hat, spricht außer der Verbindung mit der Riesenschlange auch, dass er in einem Teich verschwand. Oft gelten Quellen, wo das Wasser aus dem Untergrund hervortritt, und Teiche mit ihrer spiegelnden Oberfläche als eine Verbindung zu einer anderen Welt übernatürlicher Erscheinungen, insbesondere zur Welt der Geiser der verstorbenen Ahnen. Als Kinjiktile verschwand, trat er in diese Welt ein und brachte bei seiner Rückkehr die Botschaft der jenseitigen Welt der mächtigen Götter und Geister zu den Menschen. Kinjikitiles Botschaft war jedoch nicht nur ein Aufruf zum Kampf gegen die Deutschen. Vielmehr versprach sie, eine heile Welt, in der es keine Übel mehr gäbe. So sollten die Ernten gesichert sein, was in Kombination mit einem Sieg über die Kolonialisten eine paradiesische Zukunft versprach. Maji war sozusagen ein Allheilmittel. Kinjikitile verstand es auch charismatische Fähigkeiten zu entwickeln. Er selbst schien unverwundbar zu sein, konnte er doch in Seen verschwinden und wilde Tiere zähmen. Neben seiner offensichtlichen Verbindung ins Jenseits hatte er ein imposantes Äußeres, war er doch groß gewachsen hatte beeindruckend lange Haare und war gut gekleidet, so dass er sich von den anderen Bewohnern der Gegend abhob und seine außergewöhnliche Position unterstrich.
Moritz Merker, der als Hauptmann der „Schutztruppe“ am Maji-Maji-Krieg teilnahm, beschreibt die Maji-Medizin in seinem Bericht so:
„Die Häuptlinge der Matumbi- und Kitschiberge verbreiten unter ihren Leuten, dass ein in den Pangani-Schnellen lebender Geist dem in Ngarambi wohnenden Medizinmann, der sich den Amtstitel Bokero beigelegt hatte, eine Zaubermedizin gegeben habe, die den, welcher sie besäße, von allen Landwirtssorgen befreien würde. Sie würde ferner Wohlstand und Gesundheit verleihen, Hungersnot und Seuchen fernhalten und im Besonderen die Pflanzungen vor den Verwüstungen durch Wildschweine schützen. Sie garantierte reiche Ernte, so dass die Leute in Zukunft nicht mehr für die Fremden Lohnarbeit zu verrichten brauchten, um sich den gewohnten Luxus zu verschaffen. Die Medizin sollte schließlich auch ... unverwundbar machen, sollte bewirken, dass die Geschosse des Gegners von den Zielen wie Regentropfen abfielen; Weiber und Kinder sollte sie für die in Kriegszeiten übliche Flucht und damit verbundenen Strapazen stärken sowie vor einer Verschleppung durch den siegreichen Angreifer schützen, der Weiber und Kinder als Beute mitzunehmen pflegte. Die Medizin bestand aus Wasser, Mais und Sorghumkörnern. Das Wasser wurde in Ngarambi durch Übergießen des Kopfes und Trinken appliziert, aber auch in kleinen Bambusbüchsen, die um den Hals zu hängen waren, verabfolgt. Die Getreidekörner sollten die Weiber in die von ihnen bearbeiteten Felder legen zur Erzielung reicher Ernte und Fernhaltung von Wildschweinen; die Männer sollten je eines der beiden Arten in das Pulver jeder Gewehrladung stecken, wodurch Treffsicherheit erreicht würde.“
Verbunden mit dieser Botschaft waren Tabus, wie sexuelle Enthaltsamkeit, das Verbot von Hexerei und Speisevorschriften, die auch zu einer moralischen Erneuerung der Gesellschaft führen sollten. Außerdem durften die Maji-Krieger nicht plündern. Für die Gesellschaften im Süden Tansanias, die im Angesicht des Kolonialismus eine Krise durchlebten und deren Vorstellungen und Werte in Frage gestellt wurden, hatte eine Botschaft wie die Kinjikitiles eine große Kraft und Attraktivität. Diese Attraktivität war so groß, dass die Botschaft von ganz unterschiedlichen Völkern angenommen wurde und einen gemeinsamen Kampf initiierte, wie es ihn vorher in diesem großen Ausmaß nicht gegeben hatte. Die Idee dass eine Medizin übernatürlichen Schutz bietet war in dieser Region nichts Neues. Es gibt viele Berichte über Jagd- und Kriegsmedizin, die die Treffsicherheit der eigenen Waffen erhöhen und Schutz vor Feinden bieten sollte. Das Außergewöhnliche an Maji war sein breiter Wirkungsgrad. Es vereinigte die Konzepte von Schutzmedizin und den Glauben an Talismane mit der Vorstellung übernatürlicher Unterstützung durch Götter und Ahnen. Eine weitere Besonderheit war, dass Maji allen zur Verfügung gestellt wurde und nicht das Geheimnis nur einer kleinen Gruppe blieb. Kinjikitile errichtete auf seinem Gehöft eine besondere Opferstelle für die Ahnen. Opferstellen für die Ahnen gab es an den meisten Siedlungen in den Matumbi-Bergen. Jedoch waren sie immer nur für die Vorfahren der jeweiligen Siedlungsstelle gedacht. Kinjikitiles Opferstelle war hingegen für alle Ahnen gedacht und entsprechend größer.
Die Nachricht von Kinjikitiles Vision und der Maji-Medizin verbreitete sich schnell, so dass viele Menschen, ganze Klangruppen gar, zu Kinjikitiles Gehöft zogen, um an dieser Medizin teilhaben zu können. Dabei legten sie oft Entfernungen von über hundert Kilometern zurück. Die Leute kamen nach Ngarambe, um ihre Ahnen zu sehen, um sich von Krankheiten heilen zu lassen, um die Fruchtbarkeit ihrer Felder zu sichern und auch, um gegen die Deutschen zu kämpfen. Jeder Klanführer bekam dann von Kinjikitile ein Amulett und einen Behälter, der das spezielle Maji-Wasser enthielt. Die eigentliche Initiation fand nachts statt. Dabei wurden die Gebote und Verbote, deren Beachtung zur Wirksamkeit von Maji nötig war, den Maji-Initiierten verkündet. Darüber hinaus kam es zu Paraden, die mit Exerzieren und dem Training in der Formierung von Schützenlinien eindeutig militärischen Charakter hatten. Dadurch, dass sich verschiedene Klanführer bei Kinjikitile trafen, entstand ein Netzwerk, welches die rasche Ausbreitung der Kämpfe zu Kriegsbeginn erklärt.
Außer den Reisen von Interessierten zu Kinjikitiles Gehöft gab es noch eine andere Methode zur Ausbreitung von Maji. Experten, die von Kinjikitile in die Geheimnise von Maji eingewiesen wurden, reisten auch in andere Gegenden der Kolonie, um die Maji-Botschaft so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen. Sie nutzten dabei die seit vorkolonialer Zeit bestehenden Verbindungen zwischen den einzelnen Regionen. Diese Botschafter von Maji hatten dabei genau wie Kinjikitile selbst die Rolle von Propheten. Da sie im Namen der Geister oder Götter sprachen, gingen diese Namen in den Erzählungen oft als Titel auf die Propheten über, so dass die Verteiler der Botschaft als Hongo (POWERPOINT) bezeichnet wurden, womit ursprünglich nur der Geist bezeichnet wurde, von dem Kinjikitile besessen war. Auch die Abgesandten Kinjikitiles und diejenigen, die in Ngarambe Maji erhielten schickten wiederum Leute zur Verbreitung des Maji aus. Das geschah nicht immer freiwillig. So wurde der von den Deutschen zu einem Jumbe, einen Ortsvorsteher, ernannte Omari Kinjala vor die Wahl gestellt umgebracht zu werden oder Maji zu akzeptieren und als Hongo die Botschaft weiter zu verbreiten. Kinjala entschied sich für Maji, zog weiter in den Südwesten der Kolonie und gewann dort die Führer der Ngoni für die Maji-Bewegung. Auf diese Art verbreitete sich Maji schnell in Gegenden, die bis zu fünfhundert und mehr Kilometer vom Ursprungsort Ngarambe entfernt waren, etwa bis zu Joseph Sihaba in Peramiho. Dort waren dann die einzelnen Hongo bekannt, der Name Kinjikitile hingegen nicht.
Die Entscheidung, Maji anzunehmen oder abzulehnen, war nicht immer leicht. Eine Annahme hatte eine Auseinandersetzung mit dem deutschen Militärapparat zur Folge, bei einer Ablehnung zog man sich die Feindschaft mit der Maji-Bewegung zu. Annahme oder Ablehnung des Maji war also nicht einfach eine Frage des Glaubens an die Möglichkeit einer solchen Medizin. Kenntnis des Gegners und lokale Interessenlagen spielten ebenso mit. Dort, wo man mit der Kolonialarmee schon üble Erfahrungen gesammelt hatte, wie bei den Hehe, den Makonde und an der Küste, stieß die Ausbreitung des Maji an ihre Grenzen. An anderen Stellen, wie Usangu (Merere) und Masasi (Mursal), sahen örtliche Machthaber ihre Interessen in einem Bündnis mit den Deutschen besser gewahrt als im Kampf gegen sie.
Aufgrund der großen regionalen Verbreitung und des aus vielen Personen bestehenden Netzwerks der Maji-Führung war die Maji-Bewegung nicht homogen. Die Maji-Botschaft und die damit verbundenen Riten, Gebote und Verbote wurde regional variiert und den lokalen Vorstellungen angepasst. Auch änderte sich der Inhalt der Botschaft je weiter sie sich von den Matumbibergen entfernte. Das Versprechen von fruchtbaren Feldern findet sich beispielsweise bei den Ngoni nicht mehr, wie wir aus Sihabas Eingangszitat sehen können. Dort hatte Maji einen rein militärischen Nutzen. Auch die Gebote und Verbote waren in den einzelnen Regionen unterschiedlich. Trugen viele Maji-Krieger an der Küste schwarze Stoffe und schwarze Fahnen, deren Farbe den Gott Bokero symbolisierte, so führten die Kämpfer beim Angriff auf die Yakobi-Mission im Westen des Landes rote Tücher mit sich. In einigen Gegenden banden sich die Maji-Soldaten Hirse-Stengel um den Kopf, woanders war es Mais. Das zentrale Element der Maji-Botschaft war jedoch trotz aller lokalen Unterschiede überall gleich: Die Kugeln der Feinde sollten entweder zu Wasser werden oder von den Maji-Maji-Kriegern wie Wassertropfen abprallen. Die Botschafter von Maji wurden von den Gesellschaften im Süden des heutigen Tansanias als rituelle Experten anerkannt. Dadurch, dass sie mit den jeweiligen politischen und militärischen Führern der einzelnen Gesellschaften zusammenarbeiteten und gerade weil sie die Maji-Botschaft auf die jeweiligen Gegebenheiten abstimmten, konnte sich Maji erfolgreich über eine große Entfernung bei so unterschiedlich organisierten Gesellschaften verbreiten, etwa bei den relativ zentralisierten Ngoni und den so genannten staatenlosen akephalen Ngindo.
In einigen, vor allem küstennahen Gegenden wurden die Initiierten der Maji-Bewegung als „Askari wa Mungu“, Gottessoldaten, angesprochen. Neben den oben schon angesprochenen Tabus, denen sie nun unterlagen, hatten sie auch im Krieg Vorschriften zu beachten. Es wurde eine Geheimsprache benutzt, mit der die Aktionen gegen die Kolonialmacht koordiniert wurden und Formeln, die während des Kampfes rezitiert werden mussten. Auf dem Schlachtfeld selbst durften die Soldaten nicht nach hinten blicken, während sie auf die Feinde zustürmten. Oftmals war „Maji“ auch ein Schlachtruf, den die Krieger bei Angriffen zu rufen hatten. Mit einer Art Uniformierung und auch durch besondere Grußformeln grenzten sich die Maji-Anhänger von den Nicht-Initiierten ab. Diejenige, die Maji ablehnten, wurden als Kollaborateure betrachtet und genauso wie die deutschen Feinde bekämpft.
Im Ausbruchsgebiet des Krieges lag die Entscheidung über den Zeitpunkt für den Beginn der Kämpfe bei Kinjikitile. Bis es soweit sei, sollten sich die Maji-Rekruten unauffällig verhalten. Aber er kam wohl nie dazu, diesen Befehl zu geben. Es wird angenommen, dass er seine Vision gegen Mitte des Jahres 1904 erlebt hatte. Die Rekrutierung von Maji-Anhängern dauerte also etwa ein Jahr an, bevor der erste Angriff im Jahr 1905 stattfand. Jedoch scheint die erste Aktion am 20. Juli 1905 sehr kurzfristig und nicht von Kinjikitile entschieden worden zu sein, da er schon am 16. Juli 1905 verhaftet wurde und die Geheimhaltung des Kriegsplanes gefährdet war. Nur ein schneller Angriff versprach jetzt den gewünschten Erfolg. So kam es dazu, dass am 20. Juli 1905 im Dorf Nandete die Kriegstrommeln geschlagen wurden. Darauf hin machte sich eine von Heilern geleitete Gruppe im Dorf Nandete auf den Weg zu einer der berüchtigten „Kommunalschamben“, d.h. einem kollektiv, in Zwangsarbeit bestellten Feld, um dort Baumwollpflanzen auszureißen. Dabei ging es nicht primär um die Sabotage eines Baumwollfeldes. Die Baumwolle war vielmehr ein Symbol für die Fremdherrschaft, der Ausbeutung und der Unterdrückung. Das Ausreißen der Baumwolle war somit die Kriegserklärung an das Deutsche Reich. Aus dem nahen Kibata schickte der örtliche Verwaltungsbeamte, ein Akida, Ordnungskräfte nach Nandete, um die Lage in den Griff zu bekommen. Diese konnten sich vor Maji-Kämpfern nur zurückziehen bevor sie in der Nähe Kibatas die erste Feldschlacht des Krieges verloren. Der Akida verbarrikadierte sich darauf hin in seinem Haus und bat am 28. Juli seinen deutschen Vorgesetzten in Kilwa um Hilfe, bevor er floh. In den folgenden Tagen wurden auch andere Akida und indische Händler angegriffen und ihre Häuser geplündert. Am 30. Juli verlor der erste Deutsche in den Auseinandersetzungen sein Leben. Der Siedler Hopfer verließ seine Plantage in den Matumbibergen, wurde aber auf der Flucht getötet. Einen Tag später griffen über 1000 Maji-Kämpfer den Küstenort Samanga an und plünderten ihn. Damit begannen die Deutschen die Sache ernst zu nehmen. Am 4. August, zwei Wochen nach den Ereignissen von Nandete, wurden die von den Deutschen für den Krieg verantwortlich gemachten Heiler in dem Ort Mohoro gehängt. In dem Bericht des Gouverneurs Götzen wird ein „Zauberer Bokero“ als Hauptschuldiger ausgemacht. Ob Kinjikitle dieser Bokero war lässt sich historisch nicht eindeutig belegen. Jedoch entsprachen seine Aussagen dem, was in der Folge geschehen sollte. Der Götzen schreibt in seinen Erinnerungen: „Der ältere der Verurteilten, der Oberzauberer Bokero, sollte nun kurz vor seiner Exekution geäußert haben, er fürchte sich nicht vor dem Tode. Seine Hinrichtung werde auch nichts mehr nützen, denn seine `Daua' (Medizin) habe schon bis nach Kilossa und Mahenge hin Wirkung getan.“ Der so genannte „Oberzauberer“ behielt Recht. Als der Krieg ausbrach, war seine Maji-Medizin schon in einem Umkreis von über hundert Kilometer verteilt und die Verbreitung war noch nicht zu Ende. Es sollte noch zwei weitere Jahre dauern, bis die Deutschen sich trauten, das Kriegsrecht wieder aufzuheben.
Im Laufe des Krieges kam es schnell zu den ersten Toten auch auf Seiten der Gottessoldaten. Es war also bald offensichtlich, dass es keine Immunität gegen Gewehrkugeln gab. Es ist dennoch unwahrscheinlich, dass sich alle Maji-Krieger hinters Licht geführt fühlten, da es Erklärungen für das Versagen des Maji gab. So konnten die Verteiler des Maji behaupten, die verstorbenen Krieger hätten sich nicht an die Tabus gehalten und dadurch die Schutzwirkung des Maji gebrochen. Zum Beispiel meinten Informanten in den 1960er Jahren, die Erschossenen hätten das Gebot sexueller Askese nicht eingehalten. Auch das Verbot der Plünderungen wurde oft gebrochen. Noch weitere Erklärungen wurden von den rituellen Experten gegeben. So wurde verkündet, dass die Gefallenen gar nicht tot seien, sondern wieder lebendig werden würden. In anderen Fällen wurde von Fehlern im Laufe der Initiation ausgegangen und die Initiation wiederholt.
Aber es gibt auch Informanten, die berichten, dass das Maji tatsächlich gewirkt hätte und Kugeln von den Kämpfern abgefallen seien. Solche Gerüchte hielten sich vermutlich auch im Laufe des Krieges. Zudem verschafften die frühen Erfolge der Maji-Krieger der Medizin einen guten Ruf. Es dauerte einige Zeit, bis dieser Vertrauensvorschuss aufgezehrt war. Als die deutsche Verstärkung die Maji-Krieger mit Maschinengewehren niedermähte, wurden die Zweifel an Maji größer. Der Umstand, dass Maji nicht wirkte änderte jedoch nichts an der zugrunde liegenden Vorstellung, dass es möglich sei, mit magischen Mitteln das Kriegsgeschehen zu beeinflussen. So wurde Maji modifiziert und in anderen Variationen ausprobiert.
Andere Berichte zeigen, dass es durchaus Leute gab, die Maji als Schwindel sahen, jedoch von der Kriegsmedizin ihrer eigenen Vorväter überzeugt waren. Andrea Msegu berichtet: „Die Vorstellung, dass Kugeln zu Wasser werden war kindisch. Unsere Väter hatten bessere Arten, um die Europäer zu verwirren. Wenn der Feind sich einem Dorf näherte, verwandelte es sich in einen Wald oder in einen Termitenhügel. Oder die Gewehre der Europäer wurden in Bambus verwandelt.“ Wiederum andere sahen in Maji weniger eine Kriegsmedizin, sondern einen Anlass, endlich gegen die Deutschen kämpfen zu können. So sagt Mazepale Luoga aus Ungoni: „Ich kämpfte gegen die Deutschen, obwohl ich nicht an das Medizinwasser glaubte. Aber es freute mich gegen die Deutschen kämpfen zu können, weil wir es leid waren, von ihnen unterdrückt zu werden.“ Im Nachhinein wurde Kinjikitile als Betrüger dargestellt, und die Leute aus der Ausbruchsgegend des Maji-Maji-Krieges hatten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen schlechten Ruf. Das änderte sich erst, als sich die nationale Unabhängigkeitsbewegung formierte. In den 1950er Jahren bezogen sich die afrikanischen Politiker um den späteren Präsidenten Nyerere explizit auf den Maji-Maji-Krieg, der zum Mythos des Beginns des Freiheitskampfes wurde. In diesem Sinne lässt der Dramatiker Ebrahim Hussein in seinem Schauspiel Kinjikitile auf die Vorwürfe, er sei ein Schwindler, antworten: „Ist es ein Fehler, zu kämpfen? Ist es ein Fehler, für ein Land zu kämpfen? Nein! Ein Wort wurde geboren. Unsere Kinder werden ihren Kindern von diesem Wort erzählen. Unsere Enkel werden es hören. Eines Tages wird dieses Wort kein Traum sein, sondern Wirklichkeit.“
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Literaturliste
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- Joseph Sihaba zitiert nach Wehrmeister, Pater Cyrillus,
Vor dem Sturm: Eine Reise durch Deutsch Ostafrika vor und bei dem Aufstande 1905. St. Ottilien: Missionsverlag 1906, S. 184.
- Ob Kinjikitile der alleinige Schöpfer dieser Idee war, oder ob es andere Propheten gab, bleibt umstritten. Jedoch ist er derjenige, der in der Ausbruchsgegend des Maji-Maji-Krieges in den Erzählungen der Zeitzeugen die prominenteste Rolle einnimmt. Ausführlich wird die Frage bei Wright (1995) und Beez (2003) behandelt.
- Bell, R.M. 1950. The Maji-Maji-Rebellion in Liwale District. In:
Tanganyika Notes and Records 28: 38-57, S. 41
- Nach anderen Erinnerungen war Kinjikitile Klanführer und sehr alt.
- Mzee Ndundule Magaya nach Gwassa 1973: 175f.
- Zitiert nach Gwassa, Gilbert Clemens Kamana und John Iliffe (Hg.),
Records of the Maji Maji Rising Part One. Nairobi: East African Publishing House 1969, S. 9.
- Zitiert nach Gwassa, Gilbert Clemens Kamana,
The Outbreak and Development of the Maji Maji War 1905-1907. Dar es Salaam, University of Dar es Salaam, Ph.D. 1973, S. 184.
- Merker, Moritz, Über die Aufstandsbewegung in Deutsch-Ostafrika. In:
Militärwochenblatt 91: Sp. 1021-1030, 1085-1092, 119-1126, 1530-1538. 1906, Sp. 1022f.
- Eine andere Erklärung für den Kriegsausbruch ist die Ungeduld von Kinjikitiles Anhängern, die sich für unbesiegbar hielten. Siehe hierzu Beez 2003: 147.
- Götzen, Adolf Graf von,
Deutsch Ostafrika im Aufstand 1905/96. Berlin: Reimer 1909, S. 64
- Maji Maji Research Project: Collected Papers. Dar es Salaam: University of Dar es Salaam 1968, MMRP 2/68/2/3/5.
- MMRP 6/68/2/1.
- Hussein, Ebrahim N.,
Kinjeketile. Dar es Salaam [u.a.]: Oxford University Press. 1969, S. 49.