Von Jigal Beez, Bremen [ Buchautor: Der Maji-Maji-Krieg
| Geschosse zu Wassertropfen ]
Vortrag auf der DETAF-Jahresversammlung in Königswinter 02.04.2005
Der Maji-Maji-Krieg war der schlimmste Krieg der an schrecklichen Ereignissen nicht armen deutschen Kolonialgeschichte. Als Folge des Krieges starben mehr Menschen als bei allen anderen deutschen Kolonialkriegen. Grund dafür war die von den deutschen angewandte Strategie der verbrannten Erde. Als die Maji-Maji-Krieger nach verlustreichen Feldschlachten ihre Taktik änderten, sich im Busch versteckten und die deutschen Soldaten geschickt auf Guerilla-Art in Hinterhalten angriffen kam Hauptmann Wangenheim zu der Erkenntnis: „Nach meiner Ansicht kann nur Hunger und Not die endgültige Unterwerfung herbeiführen; militärische Aktionen allein werden mehr oder weniger Schläge ins Wasser bleiben.“ (nach Götzen 1909:149) Gouverneur Götzen stimmte dieser Meinung zu und begründet das Handeln der deutschen Truppen folgendermaßen:
„Wie in allen Kriegen gegen unzivilisierte Völkerschaften [...] war auch im vorliegenden Fall die planmäßige Schädigung der feindlichen Bevölkerung an Hab und Gut unerläßlich. Die Vernichtung von wirtschaftlichen Werten, wie das Abbrennen von Ortschaften und Lebensmittelbeständen, erscheint wohl dem Fernstehenden barbarisch. Vergegenwärtigt man sich aber einerseits, in wie kurzer Zeit afrikanische Negerhütten wieder erstehen und wie rasch die Üppigkeit der tropischen Natur neue Feldfrüchte hervorbringt, andererseits, daß in den meisten Fällen, wie auch dieser Aufstand bewiesen hat, ein solches Vorgehen einzig und allein den Gegner zur Unterwerfung zu zwingen vermag, dann wird man zu einer milderen Auffassung dieser »dira necessitas« gelangen.“
Götzen versucht hier sein Vorgehen vor denjenigen seiner Zeitgenossen zu rechtfertigen, die auch in der kolonisierten Bevölkerung einen „Wert“ der Kolonie sahen, den man zwecks Ausbeutung erhalten müsse. Mit dem Hinweis auf die üppige „tropische Natur“ verharmlost er zum einen das Vorgehen seiner Truppen, zum anderen widerspricht er sich selbst. Wäre die Natur so wohlmeinend, hätte das Vernichten von Siedlungen und Feldern sicherlich nicht den Widerstand der Maji-Maji-Anhänger brechen können. Der Zynismus und die Verachtung der Afrikaner, die aus solchen Zeilen sprechen, erinnert an den zu gleicher Zeit in Namibia geführten Krieg gegen die Herero. Dort sprach der Oberbefehlshaber Generalleutnant Trotha einen expliziten Vernichtungsbefehl aus. Trotha proklamierte: „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke [in die Wüste] zurück oder lasse auf sie schießen.“ (nach Westphal 1987: 176)
Für Ostafrika muss man jedoch sagen, dass Götzen bei aller Rücksichtslosigkeit nie explizit einen Genozid befohlen hat. Es ging Götzen nicht primär darum den Gegner völlig zu vernichten, jedoch nimmt er es zur Erreichung seiner Ziele in Kauf. Ob Götzen anders dachte als Trotha oder ob er einfach geschickter im Umgang mit Kolonialkritikern war vermag ich nicht zu sagen. Ungehemmter als Götzen, bar jeder Rücksichten auf Kolonialkritiker in Deutschland und mit eher Trothascher Diktion formuliert die Siedlerpresse ihren Standpunkt. In der Deutsch-Ostafrikanischen Zeitung vom 2.12.1905 heißt es:
„Nicht mehr auf die Erreichung des Friedens sollte es jetzt in erster Linie ankommen, sondern auf die Bestrafung der Rebellen ... Also: Bedingungslos zu Kreuze kriechen oder Krieg bis zur Vernichtung!“
(Deutsch-Ostafrikanische Zeitung vom 2.12.1905 nach [Die] Liebe zum Imperium 1978:161)
In dem „Krieg bis zur Vernichtung“ lassen sich schon klar Genozid-Phantasien erkennen. (Chall, Mezger 2005: 145)
Die deutschen Truppen in Tansania vernichteten also Felder, und brannten Siedlungen nieder. Die Einnahme eines verlassenen Dorfes beschrieb der Stabsarzt zur Verth in seinem Tagebuch knapp: „Eine Verfolgung war unmöglich ... Sämtliche Hütten - es waren etwa 60 - wurden in Brand gesteckt, die Lebensmittel vernichtet und die Felder zerstört, soweit es die Zeit zuließ“ (Iliffe 1979: 195). Ein Bild von Hans Paasche (Paasche 1907: 131) zeigt, wie ein von deutschen Truppen erobertes Dorf von seinen Verbündeten geplündert wird (BILD 1).

Bild 1
Doch nicht nur, dass geplündert wurde. Auch mussten die Truppen der Deutschen, ihre Träger und ihre Verbündeten verpflegt werden, etwas was im Militärjargon „Fouragieren“ hieß. Wenn also ein Trupp Soldaten zum „Fouragieren“ losgeschickt wurde bedeutete das nichts anderes, als die Lebensmittelvorräte einer vom Hunger bedrohten Bevölkerung zu rauben. Und die deutschen Truppen hatten auch einen beträchtlichen Hunger, da sie nicht nur aus Soldaten, sondern auch aus deren Familien und Trägern bestanden. So umfasste die Abteilung des Hauptmanns Wangenheim über 900 Menschen, wovon nur 245 Soldaten waren (Nuhn 1998: 168). Auch hatten die Menschen, die sich den deutschen Truppen ergaben, Lebensmittelzahlungen zu leisten. So musste eine Gruppe von Ngindo als sie ergaben 100 Ziegen und 500 Lasten Korn zahlen. Als Vergleich: 100 Lasten Reis reichten aus um Wangenheims Heerschar von 900 Menschen mehrere Wochen zu ernähren (Nuhn 1998: 168, 171). Von einem unterlegenen Gegner zu verlangen, er solle 500 Lasten Korn und 100 Ziegen zahlen, hieß ihn in den Hunger zu treiben.
Vom Hunger gebeutelt gaben viele Maji-Anhänger auf, töteten ihre Anführer oder lieferten sie den Deutschen aus und leisteten darüber hinaus auch noch Strafzahlungen. Bemerkenswert ist es, dass unter solchen Bedingungen einige noch bis ins Jahr 1908 Widerstand leisten konnten.

Bild 2
Bild 2 ist ein anderes Foto von Hans Paasche (1907: 137). Es zeigt Angehörige der Kichi, die sich ihm ergeben haben. Hier, wie auch bei anderen Aufnahmen fällt auf, wie abgemagert die Menschen sind. Es gibt noch weitere Aufnahmen von Gefangenen, auf die in der Regel der Galgen wartete.
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Bild 3
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Bild 4
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Bild 3 (Weule 1905: 45) zeigt Der Mwera-Anführer Selemani Mambi, der die Angriffe auf die Missionsstationen am Lukuledi organisiert hatte nach seiner Gefangennahme im Januar 1906. Bild 4 (Gundolf 1984: 169) stammt von Abdallah Chimai, der als „Mörder“ von Bischof Spiss in den gängigen Publikationen zum Maji Maji Krieg tituliert wird, obwohl er bei der Verhandlung die Tat bestritt. Bild 5 (Wehrmeister 1906: 248) zeigt eine Gruppe von Gefangenen Führern des Njelu-Reiches der Ngoni vor ihrer Exekution am 27. Februar 1906.

Bild 5
Gerade das Beispiel der Ngoni zeigt, das fast die gesamte politische Führung der am Aufstand beteiligten Völker vernichtet wurde. Die am Krieg beteiligten Völker verloren ihre Elite. In einigen Gegenden wurden als neue Herrscher von den Deutschen diejenigen eingesetzt, die loyal auf deutscher Seite kämpften, in anderen Gegenden konnten immerhin die Nachkommen der getöteten Führungsschicht die Positionen ihrer Vorfahren übernehmen.
Nach der Gefangennahme kam es in der Regel zur Hinrichtung der Gefangenen, siehe Bild 6 (Die Liebe zum Imperium 1978: 164)

Bild 6
Doch so grausam solche Bilder sind, durch direkte Kampfhandlungen und Exekutionen starben die wenigsten der Opfer dieses Krieges. Die meisten Opfer gingen elend an den Folgen der Strategie der Verbrannten Erde zu Grunde. Sie sind verhungert. Wie oben erwähnt wurden Felder vernichtet und es mussten hohe Abgaben an die Deutschen gezahlt werden. Doch war das Leid nicht damit zu Ende, dass die deutsche Herrschaft anerkannt und Kampfhandlungen eingestellt wurden. Götzen hatte eben nicht Recht als er schrieb „wie rasch die Üppigkeit der tropischen Natur neue Feldfrüchte hervorbringt“. Es gab keine Arbeitskräfte, die die Felder hätten bestellen können, die Menschen waren im Krieg, auf der Flucht oder zu geschwächt um Felder zu bestellen, Saatgut wurde eher aufgegessen, als ausgepflanzt. Hierzu gibt es das Bild einer Frau (Bild 7 Missionsblätter St. Ottilien 1906: 115), die mit ihren Kindern zur Missionsstation von Ndanda geflüchtet ist. In Lindi, dem Bezirk von Ndanda, galt die Hungersnot offiziell als überwunden, als nur noch 1.500 Menschen monatlich verhungerten (vgl. Bald 1976:45).

Bild 7
Eine erschreckende Schilderung der Situation in Ungoni wurde Anfang 1907 von Pater Troßmann in Peramiho verfasst. Aus ihr soll hier etwas ausführlicher zitiert werden:
„Schon im Oktober 1906 konnte man allenthalben große Teuerung bemerken. Doch war damals die Lage noch nicht so schlimm, denn im Matengo-Gebiet am Nyassa-See war eine sehr ergiebige Ernte gewesen und die Leute holten und kauften dort nach Bedarf. Doch wurde dieses Land später von der Regierung gesperrt und die dortigen Vorräte von derselben für das Militär aufgekauft und so war nun die Quelle versiegt. Das Volk fing an zu hungern, nur wenige hatten etwas Grünes in den Tälern. Die Mehrzahl der Bevölkerung lebte nunmehr von Gräsern. In der Frühe ziehen Weib und Kind hinaus auf das Feld oder in die Wildnis und suchen Nahrung gleich dem lieben Vieh. [...] Andere, besonders die Männer, suchen die Raupennester an den Bäumen ab [...]
Die Kinder, die einer kräftigen Nahrung so sehr bedürfen, sind meist zum Skelett abgemagert, besonders solche im Säuglingsalter. Man muß sich wundern, wie sie überhaupt noch ihr Dasein fristen. Größere haben trotz der Magerheit einen aufgedunsenen Unterleib, veranlaßt durch die ungewohnte Nahrung. Darum ist die Sterblichkeit bei den Kindern groß. Ältere Leute, die am Hungertuche nagen, bieten gerade ein entgegengesetztes Bild: sie sehen aus, als seien ihnen die Eingeweide genommen. Da bei ihnen ohnedies eben durch das Alter der Kräfteverfall schon begonnen hat, so wird er durch die magere Kost nur beschleunigt und dann ist auch für sie nur mehr der Tod der Retter von ihren Leiden.
Kein frohes Leben ist zu beobachten, nicht einmal mehr unter der sonst so lustigen Jugend. Sie sitzen vor ihrer Hütte und vor den leeren Töpfen und stieren melancholisch in das Blaue hinaus. Knüpft man eine Unterhaltung an, so dreht sie sich schon nach wenigen Worten um das eine Wort »njaa« (Hunger) und von allen Seiten hört man Zurufe: »njaa«. Man wird angebettelt, nicht aus Gewohnheit, sondern es treibt sie der Hunger dazu. [...]“
Soweit Pater Trossmann. Es gibt auch Beschreibungen dieser Zeit des Hungers von Tansaniern. Agnes Sapulis Bericht stammt aus dem Februar 1907: „Seit meiner Geburt habe ich nie einen solchen Mangel gesehen. Ich habe Hungersnöte erlebt, aber keine, die die Menschen sterben ließ. Aber in dieser Hungersnot sterben viele, einige sind nicht fähig, irgendeiner Arbeit nachzugehen, sie haben keinerlei Kraft, ihre Nahrung besteht aus Insekten aus Büschen und Wäldern, die sie ausgraben, kochen und essen.“ Sechzig Jahre später erinnerte sich Camelius Kiango an die Situation im Matumbi-Land: „Es kamen drei Jahre Hungersnot. [...] Diese Hungersnot wurde `Fugufugu' [Erwachsener] genannt. Nie hatte es vor oder nach dem Maji-Maji-Krieg etwas derartiges gegeben. Andere Hungersnöte sind vielmehr Babys gegenüber der Hungersnot nach Maji-Maji. Menschen starben in Massen, und die Leichen wurden zum Verwesen liegen gelassen, weil niemand in der Lage war, sie zu beerdigen. Die Menschen schliefen im Freien, denn es gab keine Häuser mehr, und die Löwen fraßen einen nach dem anderen. Es gab kein Saatgut, um zu pflanzen. [...] Vor dem Krieg war die Besiedlung sehr dicht, und es war sehr schwierig, ein Stück Land zu finden, auf dem Nahrung wachsen konnte. Wenn du ein kleines Stück Land hattest, danktest du Gott - es gab zu viele Menschen. Ach weh, jetzt siehst du überall nur viel Busch.“
Wie die Berichte zeigen waren die Menschen an vielen Orten geschwächt und ungeschützt den Raubtieren ausgeliefert. Auch der deutsche Ethnologe Carl Weule berichtet Mitte 1906 aus dem Gebiet der Makua und Mwera über die so genannte „Löwenplage“. Ihm wurde erzählt, dass der ganze Weg von Nyangao nach Masasi unter vier Löwenpaare aufgeteilt war, „die nichts besseres zu tun haben, als ihre Wegstrecke nach menschlichen Opfern abzupatrollieren.“ Das nächste Bild zeigt eine Hütte, die besonders befestigt wurde, um sich gegen herumstreunende Löwen zu schützen.
Die Menschen, die noch Kraft besaßen, suchten nach Möglichkeiten, Geld zu verdienen, um sich Nahrung kaufen zu können. Ohne Wahl mussten sie oftmals die verhasste Arbeit auf Plantagen annehmen.
Nach den Berichten über Krieg und Hungersnot stellt sich die Frage, wie viele Opfer hat der Krieg gefordert? Für die deutsche Seite wurde genau Buch geführt. Die Deutsche Kolonialzeitung bilanzierte die Aufstandsverluste am 21.4.1906 folgendermaßen:
- „Weisse - Gefallen: 4 Schutztruppenangehörige, 1 Matrose, 1 Bure
- Ermordet: 7 Missionsangehörige, 2 Ansiedler
- Ertrunken: 1 Schutztruppenangehöriger, 1 Marineinfanterist
- An Krankheit verstorben: 6 Marineangehörige
= 23 Europäer
- Farbige - Gefallen: 66 Askaris, 243 Hilfskrieger, 7 Träger, 29 andere
- Verwundet: 59 Askaris, 115 Hilfskrieger, 7 Träger, 20 andere“
Diese Bilanz verschweigt jedoch die Zahl der Tansanier, soweit sie nicht im deutschen Sold standen. Schon der offizielle amtliche Jahresbericht für das Jahr 1906/1907 ging von 75.000 Todesopfern aus (Wimmelbücker 2005: 90). Diese Zahl ist jedoch aus verschiedenen Gründen als zu niedrig anzusehen. Zum einen endet der Berichtszeitraum im März 1907, als die Hungersnot noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hatte.
Eine Schätzung der Opferzahlen beruht immer auf einem Vergleich der Bevölkerungszahl vor und nach dem Krieg. Jedoch gibt es weder für die Vorkriegs- noch für die Nachkriegszeit genaue Zahlen, die erste echte Volkszählung stammt aus dem Jahr 1948. So ergeben sich viele Fragen: Lebten nun etwa 1 Millionen Menschen in dem Kriegsgebiet, wie amtliche Quellen aussagen oder 1,4 Millionen, wie der Historiker Wimmelbücker nach Auswertung der späteren Volkszählungszahlen unter Berücksichtigung von diversen demographischen Faktoren schätzt? Und wie viele davon starben? Es gibt Berichte über die Bevölkerungsabnahme in verschiedenen Regionen, die je nach Region von 60%, 50%, 25% oder 10% ausgehen. Es liegen also nur grobe Richtwerte vor. Außerdem ist nicht klar, wie hoch die Zahl derer ist, die vor dem Krieg fliehen konnten. So floh Beispielsweise der Ngoni-Führer Chabruma nach Mosambik, auch wenn er dort aus Angst vor deutscher Vergeltung ermordet wurde. Der tansanische Historiker Gilbert Gwassa schätzt die Opferzahl zwischen 250.000 und 300.000. An seiner Angabe wird kritisiert, dass er nur das Gebiet der Matumbiberge detailliert untersuchte und bei der Analyse der anderen Gebiete sehr grob rechnete. Wimmelbücker schätzt die Verluste auf etwa 180.000 Kriegsopfer (Wimmelbücker 2005: 92). Genaue Angaben lassen sich also nicht machen. Jedoch lässt sich mit Sicherheit sagen, dass der Maji-Maji-Krieg der schlimmste in der deutschten Kolonialzeit war.
Doch mit dem Zählen der Toten sind die Folgen des Krieges noch nicht abgehandelt. Der Maji-Maji-Krieg hat Folgen, die noch heute, hundert Jahre später, sichtbar sind.
Dadurch, dass die Bewohner Südtansanias von den deutschen Truppen an der Feldbestellung gehindert wurden, kam es zu einer Verbuschung ganzer Regionen. So breitete sich der Wildtierbestand weiter aus, und die vom Krieg geschwächten Einwohner konnten weder sich noch ihre Felder im ausreichenden Maß schützen. Schlimmer als die erwähnte Löwenplage war jedoch, dass sich mit der zunehmenden Verbuschung auch die Tsetsefliege immer weiter ausbreitete. Während der britischen Kolonialzeit war die Verseuchung durch die Tsetsefliege dann Grund für die Zwangsevakuierung weiter Regionen, was das Vordringen der Tsetsefliege letztendlich jedoch nur förderte. Parallel zur Zwangsevakuierung kam es zur Schaffung und Vergrößerung des Selous Wildreservates. Benannt ist dieses Wildreservat nach Frederick Selous, der dort im ersten Weltkrieg auf britischer Seite kämpfend seinen Tod fand. Ironischerweise half gerade dieser Selous bei der Niederschlagung einer ähnlichen Bewegung wie Maji Maji, dem ersten Chimurenga, in Simbabwe, wo Shona mit übernatürlicher Unterstützung gegen die Briten kämpften. Was heute den Touristen als letzte Flecken unberührter Wildnis verkauft wird, ist das Ergebnis einer systematischen Entvölkerung, die mit dem Maji-Maji-Krieg begann.

Bild 8
Auf einer Karte (Bild 8 Matzke 1975: 38)) lässt sich gut erkennen, dass das was heute Wildreservat ist, das Herzstück der Maji-Maji-Bewegung war. Kinjikitiles Gehöft in Ngarambe ist genauso Teil des Wildreservats wie die Pangani-Schnellen, in denen der Gott Bokero wohnt und Madaba, ein Handelsposten, der früh in die Hände der Maji-Maji-Krieger fiel. Das Siedlungsgebiet der Ngindo um Madaba war vor dem Maji-Maji-Krieg dicht bevölkert und lag an einer Karawanenstraße lag (vgl. Gwassa 1973:33, 71, 390). Mit der Umsiedlung von den überlebenden 40.000 Ngindo wurde es zum größten Wildreservat Afrikas (vgl. Matzke1975:23-55, 1976:40, Rodgers 1976:21ff.). Auch die Landschaft Mgende im Südwesten des Reservats war ein bedeutender Kriegsschauplatz, war sie doch Rückzugsgebiet von Maji-Maji-Führern wie Chabruma oder Adballah Mapanda (Nuhn 1998: 191f). Dort fanden die letzten großen Truppenbewegungen statt.
In der Werbung der Reiseunternehmen finden sich keine Hinweise auf den Maji Maji Krieg. Dort, wo Touristen heute im Selous Game Reserve „eines der letzten großen ursprünglichen Wildreservate der Welt“ (Best of Africa Katalog 1998) erleben können, war die Geburtsstätte der Maji-Maji-Bewegung. Das Selous Game Reserve als ein „remote unspoilt country without a trace of human habitation“ (Savanah Tours Katalog 1998) ist nicht nur falsch sondern meiner Meinung auch geschmacklos. Ich bin nicht der Meinung, dass man sich nicht an den Elefanten im Wildreservat erfreuen sollte. Aber im Selous Game Reserve sollte nicht nur an den im ersten Weltkrieg dort gefallenen Frederick Selous erinnert werden, sondern auch daran dass die dortige Wildnis ein Produkt des Kolonialimus ist, eine Folge des Maji-Maji-Krieges und der Zwangsevakuierung im Rahmen der Tsetse-Bekämpfung.
Betrachtet man die heutige Gegend des Maji-Maji-Krieges, so fällt auf, dass der gesamte Südosten des Landes, dort wo der Maji-Maji-Krieg ausbrach heute als die am wenigsten entwickelte Region Tansanias gilt. Das lässt sich sowohl an der Infrastruktur, als Entwicklungsindikatoren wie Bildung Pro-Kopf-Einkommen oder Kindersterblichkeit belegen (Becker 2005).
Jedoch entwickelten sich andere Kriegsregionen ganz anders. So konnten sich Gegenden um Mahenge und Songea, wo es die stärksten Bevölkerungsverluste gab, vergleichsweise gut erholen. Ein Grund dafür ist einen ökologischer Art. Die westlichen Regionen regenreicher und haben fruchtbare Böden, so dass sie sich schneller erholen konnten. Der Südosten hingegen war etwa zehn Jahre nach Ende des Maji-Maji-Krieges noch einmal Schauplatz eines Krieges, in dem nur verbrannte Erde zurückgelassen wurde. Während des ersten Weltkriegs tobten hier Schlachten zwischen britischen und deutschen Truppen. Wiederum war es eine Strategie dem Gegner keine Versorgungsmöglichkeiten zu geben, worunter abermals die lokale Bevölkerung litt. Die Region blieb also dünn besiedelt, was auch den Aufbau einer Infrastruktur behinderte. Kurz vor dem Maji-Maji-Krieg hingegen hatten deutsche Expeditionen noch mögliche Trassenführungen für eine Eisenbahn erkundet. Pläne, die dann nie mehr realisiert wurden. Aufgrund der schlechten Infrastruktur haben die Bewohner Südosttansanias Probleme ihre Produkte zu exportieren und ein entsprechend geringes Einkommen. So wurde diese Region zu einem großen „labour reserve“ einem Arbeitskräftereservoir. Viele Menschen wurden gezwungen auszuwandern und sich als Wanderarbeiter an Plantagen an der Küste oder im Norden des Landes zu verdingen. Selbst als der Südosten mit Benjamin Mkapa den dritten Präsidenten Tansanias stellte änderte sich nicht viel. Einziger Lichtblick seiner Regentschaft für den Südosten ist die Fertigstellung einer Brücke über den Rufiji, die die Anbindung an den Rest des Landes erleichtern sollte, wenn es denn nur vernünftige Straßen zur Brücke gäbe.
Interessant ist, dass sich die Regionen nicht nur wirtschaftlich unterschiedlich entwickelten, sondern sich auch verschiedenen Religionen zuwandten. Vor dem Krieg gab es nur einen geringen islamischen Einfluss im Hinterland und sehr bescheidene Missionserfolge. Die meisten Einwohner folgten nach wie vor ihren traditionellen Glaubensvorstellungen. Nach dem Krieg breitete sich das Christentum schnell im Westen, in Ungoni und um Mahenge aus, während es im Osten, dem Ursprungsgebiet der Maji-Lehre, zu einer islamischen Dominanz kam. Mit dem Bekenntnis zum Islam folgte man den muslimischen Eliten der nahen Küste. Außerdem konnte man sich so von der Maji-Lehre distanzieren, indem man seine ethnische Zugehörigkeit negierte und sagte „ich bin Muslim, kein Ngindo“. Noch lange Zeit nach dem Krieg galten nämlich Ngindo und Matumbi als Unruhestifter, die von anderen gemieden wurden.
Das Christentum fand im Osten nur relativ wenig Anhänger. Es wird damit erklärt, dass das Christentum zum Tabu wurde, weil man glaubte es sich durch die Tötung des Bischofs Spiss mit dem christlichen Gott verscherzt zu haben. Im Westen hingegen hatte man diese Befürchtungen nicht, sondern man wandte sich dem Christentum zu. Möglicherweise liegt das daran, dass es hier so gut wie keinen islamischen Einfluss gab, jedoch viele Missionsstationen. Man handelte also nach dem Prinzip „wen Du nicht besiegen kannst, den mache Dir zum Freund.“
Trotz der Hinwendung zum Christentum und dem Islam bedeutet das aber nicht, dass die traditionellen Glaubensvorstellungen aufhörten zu existierten. Der Glaube an die Ahnengeister oder an Schutzmedizin kann durchaus neben christlichen oder islamischen Vorstellungen weiterexistieren. Die Hinwendung zum Islam und Christentum ist also keine komplette Abkehr von alten Traditionen, sondern der Versuch die eigenen Lebensverhältnisse zu reformieren, um den Veränderungen der Kolonialzeit entgegentreten zu können.
Abschließend lässt sich sagen, dass der „Maji-Maji-Krieg“ zu einer Zäsur in der deutschen Kolonialzeit wurde. Er bedeutete das Ende der militärischen Eroberungen. Danach kam es zu keinen militärischen Widerstand mehr. Es folgte auch eine neue Kolonialpolitik, die wirtschaftliche Aktivitäten der Tansanier fördern sollte, anstatt Tansanier bloß als Arbeitskräfte für Siedlerinteressen zu sehen.
In der britischen Kolonialzeit wurde der Maji-Maji-Krieg nicht näher untersucht. Er diente nur als abschreckendes Beispiel. Der in britischen Diensten stehende Ethnologe Hans Cory verglich in den 1950er Jahren Maji Maji mit der Mau Mau Bewegung in Kenia, um der Kolonialregierung Hinweise zur erfolgreichen Bekämpfung von Mau Mau geben zu können.
Fast zur selben Zeit wurde Maji Maji von der tansanischen Unabhängigkeitsbewegung wieder entdeckt. Möglicherweise deshalb, weil TANU-Aktivisten immer wieder den Vorwurf hörten, ihr Streben nach Unabhängigkeit würde nur einen neuen Maji-Maji-Krieg auslösen und ihr Anführer Nyerere sei ein neuer Kinjikitile. TANU betonte immer den gewaltfreien Charakter ihres Unabhängigkeitskampfes, entdeckte jedoch im Maji-Maji-Krieg das völkerübergreifende Element. Für Nyerere war der Krieg ein Beispiel für einen „natural call, a call of the spirit ringing in the heart of all men, and of all times, educated and not educated, to rebel against foreign domination,“ wie er es in seiner Ansprache vor den Vereinigten Nationen im Dezember 1956 formulierte. So wurde die Maji-Maji-Bewegung fünfzig Jahre nach ihrer Niederlage zum Gründungsmythos der modernen Unabhängigkeitsbewegung. Entsprechend wurde nach der Unabhängigkeit auch die Maji-Forschung an der Universität von Dar es Salaam mit einem großen Forschungsprojekt gefördert und Kinjikitile zur Titelfigur in einem Theaterstück. Die Region, in der die Maji-Idee geboren wurde, profitierte aber nicht von dem Beschwören des Maji-Mythos. Ein Maji-Maji-Museum, ein Maji-Maji-Stadium und ein Maji-Maji-Fußballteam entstanden im Südwesten, in Songea. Der Südosten ging nach wie vor leer aus.
Für die deutsch-tansanischen Beziehungen der Gegenwart spielen die Kolonialverbrechen keine Rolle mehr. Die 90.000 Deutschen die im Jahr 2000 nach Tansania einreisten kamen nicht mehr als Herrenmenschen, sondern größtenteils als Touristen, die von den Nationalparks, den Stränden und auch von den Tansaniern selbst schwärmen. Tansania ist für Deutschland ein Schwerpunktland der Entwicklungszusammenarbeit und die bilateralen Beziehungen gelten als problemfrei und freundschaftlich. Eine offizielle Entschuldigung für die begangenen Kolonialverbrechen steht aber nach wie vor aus. Da es sich unter Freunden aber gehört, dass man sich für seine Fehler entschuldigt wäre der hundertste Jahrestag des Ausbruchs des Maji-Maji-Kriegs eine Gelegenheit, dieses Versäumnis endlich mal nachzuholen.
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- Gustav Adolf Graf von Götzen. 1909. Deutsch-Ostafrika im Aufstand 1905/06. Berlin, S. 248.
- Simon Troßmann, Hungersnot in Ungoni. In: Missionsblätter: illustrierte Zeitschrift für das katholische Volk, Mai 1907, S. 114-116.
- Records of the Maji Maji Rising, S. 27-28. Zitiert nach Karl-Martin Seeberg. 1989. Der Maji-Maji-Krieg gegen die deutsche Kolonialherrschaft: Historische Ursprünge nationaler Identität in Tansania. Berlin, S. 80-81, 87; Gwassa 1973, 377-378.
- Karl Weule. 1909. Negerleben in Ostafrika: Ergebnisse einer ethnologischen Forschungsreise. Leipzig, S. 74-75.
- Deutsche Kolonialzeitung, 21.04.1906. Bezüglich der Askari veröffentlicht Nigmann später andere Zahlen: Verluste „farbiger Mannschaften der Truppe“ 67 Askari erlagen den Strapazen, 73 Gefallene, 98 Verwundete und 3 Vermißte insgesamt beteiligt 1044 Askari
- Die Zahlen zu den Besuchern stammen aus den online Länderinfos des Auswärtigen Amts ( http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/laenderinfos )