Wuppertaler Erklärung - ein Diskussions- und Arbeitspapier

entstanden anlässlich des Ausbruchs des Maji-Maji-Krieges vor 100 Jahren auf dem Seminar „Wasser gegen Gewehrkugeln - 100 Jahre Maji-Maji. Widerstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Tansania“ vom 4. - 6. November 2005 in Wuppertal

Im Juli 1905 begann im Süden der Kolonie Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, der Maji-Maji-Aufstand. Er weitete sich schnell zu einem Krieg im gesamten Süden der Kolonie aus. Dieser betraf ein Gebiet, das etwa der Größe der Bundesrepublik Deutschland entspricht. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte Ostafrikas vereinte er viele Ethnien in dem gemeinsamen Ziel, die Kolonialherrschaft zu beenden.

In der ersten Phase konnten die afrikanischen Kämpfer Erfolge erzielen. Schließlich unterdrückte die deutsche Kolonialmacht durch den Einsatz ihrer technisch überlegenen Waffen und der Strategie der verbrannten Erde den Widerstand. Von deutscher Seite wurde der Aufstand am 18.02.1907 als beendet erklärt. Der Kriegszustand im Nordwesten von Songea wurde erst am 31.07.1907 aufgehoben.


Die Kämpfe und die durch die Zerstörung von Dörfern und Feldern ausgelöste Hungersnot hatten weitreichende Folgen für den Süden Tansanias. Nach Einschätzung von Historikern sind weit mehr als 100.000, möglicherweise bis zu 300.000 Menschen dabei umgekommen. Viele Menschen flohen aus diesem Teil des Landes.

Unsere bundesweite Fachtagung vom 4. - 6. November 2005 in Wuppertal hatte zum Ziel, sich mit diesem vergessenen Krieg, seinen Ursachen und Folgen und der deutsch-tansanischen Kolonialgeschichte auseinanderzusetzen. Nach intensiver Beschäftigung mit den verschiedenen Aspekten des Maji-Maji-Aufstandes und seines kolonialpolitischen Kontextes sind wir zu den folgenden Einsichten gekommen.

Einsichten

Kolonialpolitik, Ideologie und Realität der Herrschaft

  • Kolonialismus war eines der großen Menschheitsverbrechen.
  • Kolonialismus war geprägt von Rassismus und Eurozentrismus.
  • Einheimische Herrscher wurden nach Ermessen der deutschen Kolonialverwaltung entmachtet. Davon waren auch Herrscher betroffen, die mit der deutschen Kolonialmacht kooperiert hatten.
  • Der Widerstand der Afrikanerinnen und Afrikaner zwang Deutschland zu einem Überdenken und Verändern seiner Kolonialpolitik.

Ökonomische Interessen und deren Folgen

  • Kolonialismus hat zu tief greifenden Veränderungen geführt, indem durch den Zwang zu Lohnarbeit die Subsistenzwirtschaft zerstört wurde.
  • Die erzwungene Umstellung von food crops auf cash crops hat zu ungerechten Handels- und Wirtschaftsstrukturen und zu Abhängigkeiten geführt.
  • Diese Strukturen bestehen bis heute fort und tragen - zusammen mit anderen Ursachen - zu den andauernden wirtschaftlichen Problemen in manchen Staaten Afrikas bei.

Rolle der Mission in der Kolonialzeit

  • Missionarische Arbeit findet im jeweiligen Verständnishorizont ihrer Zeit statt und wurde damals wie heute dadurch mitgeprägt.
  • Missionsarbeit befand sich immer wieder im Loyalitätskonflikt zwischen Mission als „Dienst für Christus (Kreuz)“ und „Dienst für Deutschland (Fahne)“.
  • Missionsarbeit hat den Herrschaftsanspruch des kolonialen Systems mitgetragen und stabilisiert.
  • Missionarinnen und Missionare haben versucht die Folgen des Kolonialismus abzuschwächen, grundsätzlich abschaffen wollten sie ihn aber nicht.
  • Die Missionsgesellschaften und -orden stellten in ihrer Selbstdarstellung oftmals den messbaren Erfolg der Mission (Zahl der Christen, friedliches Verhalten gegenüber der deutschen Kolonialherrschaft usw.) in den Vordergrund. Die Auseinandersetzung mit diskriminierendem und unmenschlichem Verhalten von Deutschen gegenüber Afrikanerinnen und Afrikanern trat in den Hintergrund.
  • Missionsarbeit hat wichtige afrikanische Traditionen vorschnell abgelehnt und bekämpft. Dadurch wurde die Entwicklung einer der einheimischen Kultur angepassten Form des christlichen Glaubens behindert.
  • In Deutschland wurden und werden die negativen Aspekte der Missionsgeschichte oftmals verdrängt und verleugnet.

Ursachen des Aufstandes

  • Politische: Einführung von Zwangsarbeit, Erhebung von Hüttensteuern und Kopfsteuern, Entmachtung der lokalen Herrscher
  • Ökonomische: Einführung von cash crops an Stelle von food crops, Jagdverbot für Afrikaner, Pombesteuer u.a.
  • Soziale: Brutalität und Willkür der Kolonialistinnen und Kolonialisten, Schulzwang
  • Religiöse: Ablehnung und Bekämpfung der afrikanischen Religionen und kulturellen Werte

Bezüge zur Gegenwart und langfristige Auswirkungen für Tansania

  • Afrikanerinnen und Afrikaner wurden und werden oftmals nicht als gleichwertig anerkannt.
  • Die ökonomische Abhängigkeit Tansanias mit all ihren negativen Auswirkungen besteht trotz politischer Unabhängigkeit weiter.
  • Der Maji-Maji-Aufstand war der Anfang eines langen Weges zur Unabhängigkeit.
  • Wiedergutmachungen können ökonomische, ökologische und symbolische (z.B. Umbenennung von Strassen) Dimension haben.
  • Die Anerkennung der Menschenwürde und die gegenseitige Achtung ist Voraussetzung aller Wiedergutmachung.

Anliegen

Wir möchten den 100. Jahrestag des Maji-Maji-Aufstandes zum Anlass nehmen,

  • der Opfer des Krieges und der Kolonialherrschaft zu gedenken und ihren Nachkommen und dem gesamten tansanischen Volk unser tiefes Bedauern auszudrücken,
  • die deutsche Kolonialpolitik und -herrschaft in Ostafrika mit all ihren verschiedenen Facetten und Auswirkungen zu analysieren und in der Öffentlichkeit zu thematisieren,
  • nach den Konsequenzen für glaubwürdiges und verantwortliches politisches und zivilgesellschaftliches Handeln in der Gegenwart zu fragen.

Wir wollen eine Aufarbeitung des Aufstandes anstoßen, deren Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen und auf dem Weg der Versöhnung weitergehen. In diesen Prozess muss die tansanische Perspektive einbezogen werden.

Forderungen

Die folgenden Forderungen wurden im Laufe der Tagung zusammengetragen. In der abschließenden Diskussion wurden sie teilweise kontrovers diskutiert. Aus Zeitmangel konnten sie nicht weiter bearbeitet werden, so dass kein Konsens entstand. Einige der Forderungen werden nicht von allen Tagungsteilnehmenden unterstützt.

So sind die angesprochenen gesellschaftlichen Akteure nun aufgefordert, sich in den folgenden Punkten selbst mit der Thematik auseinanderzusetzen und in einen Diskussions- und Beratungsprozess einzutreten.

Forderungen an die Bundesregierung und die im Parlament vertretenen Parteien

  • Klares Bekenntnis zur historischen Verantwortung für die Verbrechen der Kolonialherrschaft und ein deutliches Zeichen des Bedauerns und der Entschuldigung
  • Aufarbeitung des Kolonialismus und seiner Gräueltaten (vgl. Wahrheitskommission zur Apartheid in Südafrika)
  • Auseinandersetzung mit der Frage, ob und wie Wiedergutmachung geleistet werden kann
  • Verstärkte Bemühungen bei der Entschuldung Tansanias
  • Verstärkte Unterstützung von Entwicklungsmaßnahmen im ehemaligen Kriegsgebiet (z.B. Einrichtung eines Maji-Maji-Wiedergutmachungs-Fonds, der die Entwicklung in den damals betroffenen Gebieten fördert; Konversion von Militärausgaben zugunsten von Wasserprojekten)
  • Einsatz für gerechte Beziehungen in Weltwirtschaft und internationaler Politik (z.B. ökonomische Wiedergutmachungsmaßnahmen zwischen der EU und den AKP-Staaten)
  • Rückführung sämtlicher Schädel von getöteten Afrikanern, die noch in deutschen Museen (z.B. Berlin und Bremen) lagern
  • Rückführung von Kunstgegenständen und Kulturgütern
  • Renovierung von deutschen Kolonialbauten, Aufarbeitung ihrer Geschichte und Übergabe an Tansanierinnen und Tansanier
  • Ernst nehmen der besonderen Verbindung zwischen Deutschland und Tansania durch ihre Förderung im kulturellen Bereich

Forderungen an Kirchen, Missionsgesellschaften und -orden sowie deren Nachfolgeorganisationen

  • Konsequente und kritische Auseinandersetzung mit der eigenen ambivalenten Geschichte
  • Bekenntnis zur historischen Schuld und Bitte um Entschuldigung
  • Bekenntnis zur fortdauernden Verantwortung im Kontext der partnerschaftlichen Beziehungen
  • Rückführung von Kunstgegenständen und Kulturgütern
  • Respektierung und Förderung der afrikanischen christlichen Identität und Praxis bei den afrikanischen Partnern

Forderungen an die Wirtschaft

  • Kritische Auseinandersetzung mit kolonialen Verflechtungen der eigenen Firmengeschichte
  • Schaffung fairer und menschenwürdiger Arbeitsbedingungen für Tansanierinnen und Tansanier und Einhaltung ökologischer und sozialer Standards
  • Unterstützung des fairen Handels im großen Maßstab

Forderungen an Universitäten und wissenschaftliche Einrichtungen

  • Aufarbeitung der eigenen Wissenschaftsgeschichte und deren Beiträge zu Kolonialismus und Rassismus
  • Genderspezifische und interdisziplinäre Bearbeitung des Themas Kolonialismus in deutsch-tansanischer Kooperation
  • Rückführung von Kunstgegenständen und Kulturgütern

Forderungen an Schulen und Bildungseinrichtungen

  • Stärkere Beschäftigung mit dem Thema „Deutscher Kolonialismus“
  • Reflektion heutiger Afrikabilder und aktive Auseinandersetzung mit Rassismus
  • Überarbeitung und Weiterentwicklung von Unterrichtsmaterialien (z.B. Bereitstellung von Schulbüchern, die sowohl den Kolonialismus kritisch darstellen als auch das Anliegen gleichberechtigter internationaler Beziehungen fördern)
  • Entwicklung von Visionen und Perspektiven für europäisch - afrikanische Beziehungen

Forderungen an die Medien

  • Erweiterung und Veränderung des Spektrums, in dem Afrika dargestellt wird

Forderungen an zivilgesellschaftliche Gruppen und Einzelpersonen

  • Öffentliche Auseinandersetzungen mit der Thematik des Kolonialismus in übergreifenden Bündnissen
  • Bekämpfung rassistischer Einstellungen und Verhaltensmuster
  • Reflektierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Afrikabild und Hinterfragen der Motivation des eigenen Afrika-Engagements
  • Einrichtung und Förderung von Netzwerken zwischen den Menschen in den damaligen Kriegsgebieten und Menschen in Deutschland
  • Respektierung der Selbstbestimmung als Grundprinzip partnerschaftlicher Zusammenarbeit
  • Entwicklung und aktive Beteiligung an Kampagnen, die sich für gerechte Wirtschaftsstrukturen einsetzen
  • Kritische und kreative Auseinandersetzung mit kolonialen Relikten (z.B. Straßennamen, Denkmäler, so genannter „Tansania-Park“ in Hamburg)

Wuppertal, den 6. November 2005




Dieser Artikel kommt von Veranstaltung zum 100 jaehrigen Gedenken an den Maji-Maji-Krieg
http://majimaji.de


http://majimaji.de/article27.html