Gedenkveranstaltung zum 100. Jahrestags des Maji-Maji-Krieges
- Grußworte und Thematische Einführung: Kornelia Freier (Tanzania-Network.de e.V.)
Mabibi na Mabwana,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
im Namen des Tanzania-Network.de e.V. möchte ich Sie auf dieser Gedenkveranstaltung recht herzlich begrüßen. Mein Name ist Kornelia Freier. Ich bin die zweite Vorsitzende des Netzwerkes, welches zur Zeit 170 Gruppen und Einzelpersonen vernetzt, die Beziehungen nach Tanzania pflegen.
Ein ganz besonderes Anliegen ist uns das öffentliche Gedenken der Opfer des MajiMaji Krieges, der vor einhundert Jahren im Südosten Tanzanias begann. Heute am Volkstrauertag wird in Deutschland der Opfer der Kriege gedacht. An vielen Orten werden Kränze nieder gelegt und gar nicht weit von hier, auf dem Garnisonsfriedhof von Neukölln, wird der deutschen Kriegsopfer in den Kolonialkriegen und der für die Deutschen kämpfenden Askaris gedacht.
Wir haben uns hier zusammen gefunden, um den ungezählten tanzanischen Opfern des MajiMaji Krieges zu gedenken. Der MajiMaji Krieg war der verheerendste deutsche Kolonialkrieg, in dem Verbrechen an der Menschlichkeit begangen wurden.
Die deutsche Kolonialherrschaft in Ostafrika währte 34 Jahre, von 1885 bis 1919. Neben dem MajiMaji Krieg gab es unzählige kleinere und größere antikoloniale Befreiungsbewegungen und -widerstände. Stellvertretend sei hier der Krieg des Mkwawa, König der Wahehe, genannt. Auch all jener Menschen, die im Zuge der menschenverachtenden und ausbeuterischen deutschen Kolonialherrschaft in Deutsch-Ostafrika ums Leben kamen, möchten wir an dieser Stelle gedenken.
Im Jahr 2005 gab es zahlreiche Bemühungen verschiedener Institutionen, sich mit dem MajiMaji Krieg auseinander zu setzen: Vorlesungsreihen an Universitäten, Seminare und Tagungen verschiedener Organisationen, Gottesdienste, Zeitungsartikel, Buchprojekte, eine Ausstellung, die Sie heute hier sehen können, Inszenierungen des Theaterstücks Kinjikitile von Ibrahim Hussein und ein Gedenkmarsch, den wir heute noch einmal wiederholt haben. Dennoch ist der MajiMaji Krieg in Deutschland weitestgehend unbekannt.
Viele meinen, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte. Man will das gute Verhältnis zu Tansania nicht gefährden. Zu kurz sei die deutsche Kolonialvergangenheit gewesen, zu unbedeutend im Verhältnis zu der Großbritanniens und anderer Kolonialmächte. Mit verklärenden Slogans wie „jetzt wird es gemütlich - Kolonialstil bei Netto“ oder dem Obi-Stilratgeber Kolonialstil „für ein neues Wohlfühlgefühl“ benutzen deutsche Wirtschaftsunternehmen koloniale Vergangenheit in ihrer Werbung. Dass in Deutschland mit Kolonialstil geworben werden kann, zeigt nur, dass es kein kritisches Bewusstsein für diesen Teil unserer Geschichte gibt. Eine Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit fängt gerade erst an.
In unseren Schulbüchern spielt der deutsche Kolonialismus nur eine untergeordnete Rolle. Eine Umfrage, die ich in den letzten Tagen auf der Berliner Importshopmesse durchgeführt habe, zu der täglich mehr als 1000 Schüler und Schülerinnen kamen, zeigte mit Ausnahme eines einzigen Schülers, dass niemand je von diesem Krieg gehört hat. Auch in den Medien wird er kaum beachtet. Von der Bundesregierung fehlt bis heute jede offizielle Stellungnahme zu den Ereignissen von vor 100 Jahren. Wir freuen uns, dass Vertreter des BMZ und des Auswärtigen Amtes heute auf dieser Veranstaltung anwesend sind.
Ihnen allen danke ich, dass Sie heute hier hergekommen sind, um sich unserer nationalen Vergangenheit als Kolonialmacht zu erinnern und der Opfer dieser brutalen und illegitimen Herrschaft zu gedenken.
Im Jahr 1904 verkündete der Heiler Kinjikitile Ngwale in Ngarambe, einem Dorf an den Westhängen der Matumbi-Berge, seine Botschaft des Zauberwassers. Nach dieser sollten sich die Völker vereinigen und gemeinsam gegen die deutsche Herrschaft kämpfen. Das Maji galt als Medizin, welche die Gewehrkugeln der Deutschen in Wasser verwandeln würde. Mohammed Nganoga erinnerte sich an die Worte des Kinjikitile:
„Alle verstorbenen Vorfahren werden zurückkehren. Sie sind beim Gott Bokero in Rufiji Ruhingo. Keine Löwe oder Leopard wird Menschen fressen. Wir gehören alle zum Klan des Sultans Said. Dem Klan des Sultans allein. Sei es ein Pogoro, ein Kichi oder ein Matumbi. Wir gehören alle zum Klan des Sultans. Der Löwe wurde zum Schaf und der Europäer zu roter Erde oder zum Fisch im Wasser. Lasst uns ihn schlagen.“
Schnell verbreitete sich die Kunde vom Maji über Hunderte von Kilometern. Die Menschen waren es leid, von den Kolonialherren zur Arbeit gezwungen zu werden, Steuern zu zahlen und immer wieder misshandelt zu werden. Viele waren froh, endlich ein Mittel gefunden zu haben, um sich gegen die entwürdigende Herrschaft der Deutschen zu wehren.
Kinjikitile selbst erlebte den Krieg nicht mehr. Er wurde am 16. Juli 1905 gehenkt. Nur vier Tage später begann der Krieg in Nandete. Am Morgen des 20. Juli versammelten sich Ngulumbalio Mandai, Lindimio Machela und andere Einwohner und Einwohnerinnen des Dorfes Nandete in den Matumbi-Bergen, um gemeinsame zu einer der verhassten Kommunalschamben zu ziehen, auf der sie zur Arbeit in der Baumwolle gezwungen worden waren.
An diesem Morgen kamen sie nicht zur Arbeit.
Sie kamen, um Baumwollpflanzen auszureißen.
Sie kamen, um der deutschen Kolonialmacht den Krieg zu erklären.
Innerhalb kürzester Zeit dehnte sich der Krieg auf ein Gebiet fast so groß wie die Bundesrepublik aus. Zum ersten Mal in der langen Geschichte des ostafrikanischen Widerstandes gegen die europäische Kolonisation verbanden sich im MajiMaji Krieg zwanzig Völker zu einem gemeinsamen Kampf.
Die Deutschen reagierten mit drastischer Härte. Unter Einsatz von erstmals benutzten Maschinengewehren wurden Hunderte von MajiMaji Kämpfern getötet.
Mzee Ndundule Mangaia aus Kipatimu erinnerte sich in den 60er Jahren:
„Sie umringten die deutsche Station in mehreren Linien. Die MajiMaji Krieger gaben einige Schüsse ab, aber die Deutschen antworteten nicht. Um fünf Uhr morgens befahl der Europäer seinen Askaris zu feuern. Ach, so viele starben an diesem Tag. Denn sie hatten noch nie von einem Maschinengewehr gehört. Sie dachten, den Deutschen wäre die Munition ausgegangen und sie schlügen jetzt auf leere Büchsen, um ihnen Angst einzujagen. So wurden die Mutigen getroffen. Manche in die Beine, andere in den Rücken und wieder andere ins Gesicht. Viel zu viele starben an diesem Tag. Danach herrschte große Trauer im Land der Matumbi. Von nun an kämpfte man nur noch in kleinen Gruppen und griff die deutschen Askaris aus dem Hinterhalt an.“
Dieser Art der Kriegsführung setzten die Deutschen die Strategie der verbrannten Erde entgegen. Im Oktober 1905 schrieb Hauptmann Wangenheim an Gouverneur von Götzen:
„Nach meiner Ansicht kann nur Hunger und Not die endgültige Unterwerfung herbeiführen. Militärische Aktionen allein werden mehr oder weniger Schläge ins Wasser bleiben. Die Leute werden ihren Widerstand nur dann völlig aufgeben, wenn die vorhandenen Nahrungsvorräte aufgebraucht, ihre Häuser in wiederholten Überfällt zerstört und sie jeglicher Möglichkeit beraubt sind, ihre Felder neu zu bestellen.“
Was das für die MajiMaji Kämpfer und vor allem für die Zivilbevölkerung bedeutete, schilderte Mzee Kamelius Kiango aus Nandete:
„Es folgten drei Jahre des Hungers. Wer sie überlebte, tat dies durch die Vorsehung. Es war eine furchtbare Hungersnot, bei der manche ihre Kinder und Frauen verleugneten ... Sie wurde fugu fugu genannt. Weder vor noch nach MajiMaji hat es je Vergleichbares gegeben. Andere Hungersnöte sind nur Kinder im Vergleich zur Hungersnot nach MajiMaji. Die Menschen starben wie die Fliegen und ihre Leichen, die niemand mehr begraben konnte, bleiben einfach liegen. Die Menschen schliefen im Freien, denn es gab keine Häuser mehr. Die Löwen holten sich einen nach dem anderen ... Vor dem Krieg war das Land so dicht besiedelt, dass es sehr schwer war, ein Stück Land zum Bewirtschaften zu finden ... Jetzt aber ist hier alles zugewachsen und verwildert...“
Im Februar 1907 wurde der Kriegszustand aufgehoben. 15 Europäer und Europäerinnen waren in diesem Krieg ums Leben gekommen. Die Opfer auf afrikanischer Seite sind ungezählt. Schätzung reichen bis zu 300.000 Menschen. Ganze Landstriche wurden entvölkert. Auf dem Gebiet des Selous Game Reserve, des größten Nationalparks Afrikas, für den heute mit unberührter Wildnis geworben wird, waren vor hundert Jahren Menschen zu Hause, die im MajiMaji Krieg ums Leben kamen oder vor der Hungerkatastrophe fliehen mussten.
Für die weitere Entwicklung Deutschlands dagegen spielte der MajiMaji Krieg im fernen Ostafrika keine Rolle. Durch die anstehende Aufarbeitung des Nationalsozialismus wurde die Beschäftigung mit der kolonialen Vergangenheit über Jahrzehnte versäumt und verdrängt. Zeitzeugen leben nicht mehr.
Während noch zahlreiche Denkmäler und Straßennamen die deutsche Kolonialherrschaft würdigen, findet sich keine Ehrung der Kolonisierten, keine Geste des Eingeständnis' kolonialer Schuld. Die vermeintlich positiven Errungenschaften in den Kolonien werden herausgestellt, ohne dass die Schrecken dieser Zeit und die massiven Eingriffen in die Würde von Hunderttausenden Menschen in Afrika Erwähnung finden. Bis heute findet man Kontinuitäten, die deutlich machen, dass die selbstkritische Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus noch nicht stattgefunden hat.
Dabei geht es nicht nur um offenen Rassismus, sondern auch um Formen des täglichen Miteinanders, die die Tanzanierinnen und Tanzanier nicht als gleichberechtigt anerkennen. Wie ist denn das Verhältnis zwischen den Touristen und den Trägern, die deren Kameraausrüstung bis zum Gipfel des Kilimanjaro schleppen? Wie gestaltet sich die Verhältnis in Missionsstationen und Projekten der staatlichen und nichtstaatlichen Zusammenarbeit? Wer hat das Sagen? Wer entscheidet, wie welche Gelder ausgegeben und wo Schwerpunkte gesetzt werden? Auch wenn Tanzanier oft ökonomisch schlechter gestellt sind als wir, bedeutet es doch nicht, dass sie nicht wissen, was gut für sie ist.
Und auch auf der indirekten Ebene finden wir Kontinuitäten. Wer freut sich nicht über das Schnäppchen im Klamottendiscounter oder die Preissenkung beim Kaffee? Wen interessiert da noch, wie es den 200 Millionen Menschen geht, die weltweit auf den Baumwollfeldern schuften müssen und dass jährlich 30.000 von ihnen an den Folgen der Vergiftung durch Pestizide sterben. Heute wie damals werden Menschen für die Sicherung unseres Wohlstands ausgebeutet.
Sicher gibt es auch viele positive Beispiele, die Partnerschaft auf Augenhöhe praktizieren und die Tanzanier als gleichwertig und gleichberechtigt anerkennen. Gesellschaftlicher Konsens ist das jedoch nicht. Der Weg dorthin ist noch weit und er muss meiner Meinung nach mit einem Schuldbekenntnis beginnen. Dabei geht es nicht um das Aufladen persönlicher Schuld, sondern vielmehr um die Anerkennung historischer Schuld. Wir müssen uns mit unserer Vergangenheit auseinander setzen, indem wir unsere eigenen Geschichte kritisch reflektieren.
Im Gedenkjahr zum MajiMaji Krieg haben sich viele Menschen mit dem Thema beschäftigt. Dabei kam es immer wieder zu kontroversen Diskussionen über die genauen Zahlen der Opfer oder über die Verwendung der Begriffe „Krieg“ oder „Aufstand“. Die tanzanischen Wissenschaftler sprechen bezogen auf MajiMaji übereinstimmend von „vita vya ukombozi“ - einem Befreiungskrieg.
Weitaus heftigere Debatten lösen aber immer wieder die Fragen nach Entschuldigung und Entschädigung aus. Wahrscheinlich kennen Sie die verschiedenen Positionen:
- Mit Argumenten, dass Tanzania als Schwerpunktland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit insgesamt schon mehr als eine Milliarde Euro erhalten hat und dass die bilateralen Schulden gestrichen wurden, sei eine indirekte Wiedergutmachung erfolgt.
- Dass Entschuldigungen nach vier Generationen nicht mehr ernst gemeint sein können, weil Täter und Opfer nicht mehr am Leben sind, ist ein anderes Argument.
- Sogar, dass der Kolonialismus im Grunde ja gar nicht so schlecht war und nur falsch umgesetzt wurde, ist immer noch zu hören.
Wir scheuen die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema möglicherweise auch deshalb, weil wir dann zur Kernfrage vordringen müssten, der Frage, was uns überhaupt dazu bewegt, uns in Afrika zu engagieren, und was auch unsere Vorfahren dazu motiviert hat.
Was hat sie und uns berechtigt, nach Afrika zu gehen, unsere Religion dort hinzutragen und in gesellschaftliche Strukturen einzugreifen? Die Beantwortung dieser Fragen würde uns womöglich in einen Konflikt bringen, der unsere eigene Arbeit in der Mission, in der Entwicklungszusammenarbeit und der Partnerschaftsarbeit, die wir aus voller Überzeugung tun, grundsätzlich in Frage stellen könnte.
Ich denke, auch vor dem Hintergrund der Debatten um die Festung Europa, die sich um die Flüchtlingsdramen in Marokko entzündet haben, dass es an der Zeit ist, ehrlich und mit offenen Augen in die eigene Vergangenheit zu schauen. Ich hoffe, dass durch das Erkennen der eigenen Fehler ein Lernprozess in Gang gesetzt werden kann, der uns allen ein Zusammenleben auf wahrhaft gleichberechtigter Basis ermöglicht. Ich wünsche, dass uns in diesem Prozess der Aufklärung viele Tanzanierinnen und Tanzanier begleiten.
Asanteni sana.
Kornelia Freier
13. November 2005, Werkstatt der Kulturen Berlin